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Diplomarbeit: Alterssuizid - ein deutsch-japanischer Vergleich

In vollem Umfang und zur freien Verfügung stelle ich hier meine Abschlussarbeit "Alterssuizid - Ein deutsch-japanischer Vergleich" zum Lesen und zum Download als PDF-Datei bereit. Diese Arbeit wurde zum  Studienabschluss an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn angefertigt.

Die Diplomarbeit steht unter der Creative-Commons-Lizenz (CC). Es ist somit erlaubt und erwünscht, dass das Werk bzw. der Inhalt vervielfältigt, verbreitet und öffentlich zugänglich gemacht wird. Das kann jedoch nur unter den folgenden Bedingungen erfolgen:
 
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Wer mit einer CC-Lizenz nicht vertraut ist, der findet einführende Informationen auf der deutschen CC-Seite und auch der Besuch der Lizenz, die für meine Diplomarbeit gilt, hilft sicherlich weiter.
 

English overview
"Alterssuizid - ein deutsch-japanischer Vergleich" is the focus of my diploma thesis, comparing the act of suicide among the elderly in Germany and Japan. 

The thesis features, aside from the obligatory statistical data, a motivational overview, while it introduces different theories for suicide. Further, it also compares the suicide rates of the elderly in major cities and several selected regions in Japan and Germany. Following, it tries to evaluate if there exists a "type" among elderly people, who tends to perform suicidal actions. Finally, it points out the emerging problems, that are caused by the superannuation of the population and shows its influence on the care of the elderly.
The complete thesis is available online and can be downloaded as a PDF file here too. 


Das Bild ist ein kleiner Ausschnitt des Werkes "Picture Reference of Causality - Paintings of Hell" des taiwanesisch-chinesischen Künstlers Jiang Yizi (江逸子) aus dem Jahr 2003.

Ein gesellschaftliches Problem?

3. Alterssuizid – ein gesellschaftliches Problem?

Welche gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen müssen vorliegen, um den Alterssuizid zu einem Problem für die Gesellschaft zu machen?

Im folgenden Abschnitt wird ein kurzer Überblick über die demographische Entwicklung, das Pensions- und das Pflegesystem gezeigt und die möglichen daraus entstehenden Probleme und Folgen für eine alternde Gesellschaft.


3.1 Demographischer Wandel

Als zunächst wertungsfreier Begriff wird der demographische Wandel aufgrund seiner absehbaren und größtenteils unabwendbaren Folgen und Konsequenzen für eine Gesellschaft in einen negativen Kontext eingeordnet, mit dem man in der Regel den Rückgang der Fertilität und gleichzeitig einen Anstieg der Lebenserwartung verbindet. Daraus resultiert die mittelfristige Abnahme der Erwerbsbevölkerung, die Zunahme der Altenbevölkerung und die langfristige Abnahme der Population des Staates [26]. Dieses geht gleichzeitig einher mit einer ansteigenden Instabilität und einem Vertrauensverlust in soziale Sicherungssysteme, da sowohl in Japan als auch Deutschland ein Umlagensystem zur Finanzierung und Etablierung sozialer Sicherungssysteme zur Anwendung kommt und dieses auf der Annahme eines stetigen Bevölkerungswachstums fußt. Die Entwicklung betrifft alle Industrienationen und verursacht neben Unsicherheiten über die Finanzierung des Ruhestands auch größere sozialpolitische Reformen, die u.a. die Erhöhung des Rentenalters bzw. der Lebensarbeitszeit betreffen. Befürchtungen der heutigen Arbeitsbevölkerung betreffen vor allem die Ausschüttung der eingezahlten und bereits vorauskalkulierten Renten und alternative Finanzierungsmöglichkeiten im Ruhestandsalter.

Als kritisch wird in Deutschland und Japan die Tatsache betrachtet, dass schon jetzt und in den nächsten Jahren verstärkt die geburtenstarken Nachkriegsjahrgänge in das Rentenalter eintreten und somit als Steuer- und „Rentenzahler“ ausfallen und Bezugsempfänger werden.


Abbildung 13: Prognose der Bevölkerungszusammensetzung 2010
Quelle: STATISTISCHES BUNDESAMT (2010): 12. Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung.






















Abbildung 14: Bevölkerungszusammensetzung 2007 in Japan
Quelle: MINISTRY OF HEALTH, LABOUR AND WELFARE: Vital Statistics in Japan.



Die Abbildungen 13 und 14 verdeutlichen die Größenordnung dieses Prozesses und zeigen, dass in Deutschland und Japan ein Rückgang der Erwerbsbevölkerung mit gleichzeitiger Zunahme an Pensionsbeziehern stattfindet, jedoch das Gros der „Babyboom“-Jahrgänge noch nicht das Ruhestandsalter erreicht hat, es allerdings in den nächsten Jahren überschreiten wird: in Deutschland ist der Peak in etwa zehn bis 15 Jahren zu erwarten; in Japan ist damit in etwa fünf bis zehn Jahren zu rechnen. Somit wird ein gewaltiger Bevölkerungsanteil Rentenbezüge erwarten, wodurch mit einer Verschärfung der Rentendiskussion und mit umfangreicheren sozialpolitischen Veränderungen zu rechnen ist. Der Anteil der Arbeitsbevölkerung [27] betrug 2009 in Deutschland 61 Prozent, der in Japan 65 Prozent. Der Anteil der über 65-Jährigen, und somit offiziell als Rentenbeziehende geltend [28], liegt in Deutschland bei 21 und in Japan bei 21,5 Prozent. Aufgrund des zukünftig erhöhten Eintritts in das Rentenalter ist aber diesbezüglich von einer stark steigenden Tendenz auszugehen. Eine Stabilisierung dieser Entwicklung und Sicherung des bisherigen Umlagensystems wäre aber mit Hilfe einer erhöhten Zuwanderungsquote an Erwerbsbevölkerung zu erreichen.


3.2 Überalterung der Bevölkerung

Mit der Bevölkerungsalterung und der zunehmenden Überalterung einer Gesellschaft gehen auch Probleme einher, die suizidale Tendenzen älterer Menschen begünstigen können. Die wirtschaftlichen, finanziellen und sozialen Rahmenbedingungen sollen im Folgenden dargestellt werden. Dabei werden Problembereiche angesprochen, welche die Kernforschungspunkte anderer soziologischer Fachrichtungen, u.a. der Ungleich-heitsforschung, der Gerontologie, etc. darstellen. Aufgrund des begrenzten Rahmens dieser Arbeit können jedoch nur ansatzweise Darstellungen der unterschiedlichen Themen geliefert werden.

Zunächst ist für diese Betrachtung ein Überblick über das japanische Pensionssystem zu gewähren. Bei einem grob dreistufigen Aufbau bildet die Volksrente (kokumin nenkin) die Basis, während die Arbeitnehmerversicherung (kôsei nenkin) und die Unterstützungskassen (kyôsai nenkin) ergänzend wirken. Als letzte Stufe sind das Altersruhegeld (taishokukin), die Qualifizierungsrenten (tekikaku taishokukin) und sonstige Arbeitnehmer- und Pensionsfonds vorhanden. Der Bezug dieser Renten erwächst teils aus der freiwilligen Einzahlung in eben diese Pensionsfonds, teils sind Bezüge aus bestimmten Fonds an die Berufszugehörigkeit und dessen Status gebunden, z.B. Beamter, in der Privatwirtschaft Tätiger oder Selbstständiger.

Soziale Interaktion und Freizeitgestaltung werden aufgrund der durch die Pensionierung erhöhten zeitlichen Verfügbarkeit als Hauptbeschäftigung älterer Menschen angesehen. Finanzielle Möglichkeiten begrenzen allerdings das Ausmaß dieser Aktivitäten. Generell ist der Großteil der von in Japan lebenden Menschen über 65 Jahren ausgeübten Freizeitaktivitäten kostenneutral und die gesundheitliche und soziale Komponente steht im Vordergrund (KOYANA 1997: 219). Diese Aktivitäten bestehen im Allgemeinen aus leichter sportlicher Betätigung und dem Konsum von kulturellen Gütern und Massenmedien (STATISTICS BUREAU 2006a: 31). Trotz der eher generell preisgünstigen Freizeitgestaltungen sind auch einige wenige Aktivitäten mit erhöhten finanziellen Kosten, wie z.B. exklusive Sportarten oder Reisen, verbunden, die zusammen mit Tagesausflügen von rund drei Viertel aller Senioren in Anspruch genommen werden (STATISTICS BUREAU 2006b: 22-25). Somit muss betont werden, dass das Ausüben dieser Freizeitbeschäftigungen für Rentner mit unzureichender finanzieller Altersversorgung erschwert bzw. unmöglich wird und dadurch die Möglichkeit sozialer und kultureller Interaktion eingeschränkt wird bzw. verloren geht. Der Punkt der sozialen Interaktion trifft insbesondere auf männliche Senioren zu, da sich aufgrund der erhöhten männlichen Sterberate das Geschlechterverhältnis mit steigendem Alter massiv verschiebt (vgl. Abb. 13 und 14). Dadurch ist ein breiteres Spektrum an Freizeitaktivitäten nur für weibliche Senioren anzunehmen, während das für Männer weniger stark gefächert sein dürfte.

Medizinische Problemfelder, wie z.B. die Arzt-Patient-Kommunikation, wurden schon in Abschnitt 2.3.3 angesprochen. Hier soll jedoch auf weitere Schwierigkeiten hingewiesen werden. Diese zeigen sich insbesondere in der medizinischen Leistungsunterversorgung durch finanzielle Limits und die Pflege älterer Menschen. Die Art der Krankenversicherung ist bei geringem Einkommen größtenteils nur auf die medizinische Grundsicherung ausgelegt, d.h. es sind weniger Leistungen von der Versicherung abgedeckt und es werden nur die als medizinisch sinnvoll und zugleich von der Krankenkasse als finanziell vertretbar erachtete Behandlungen durchgeführt, während andere notwendige Behandlungen, z.B. der Zahnersatz, erst mit einer Teil- oder Vollfinanzierung durch den Patienten ermöglicht werden. Dieses gilt auch für Vorsorgeuntersuchungen, die oftmals von Krankenkassen nicht abgedeckt sind und als nicht notwendig erachtet werden – teils aber auch vom Versicherten nicht in Anspruch genommen werden. Aufgrund dieser Umstände und Umstrukturierungsmaßnahmen der Finanzierung der Krankenkassen und der Behandlung, z.B. durch die sogenannte „Praxisgebühr“ in Deutschland oder durch die Kostenbeteiligung des Patienten an der Behandlung in Japan, erachtet ein Teil der Versicherten bei leichter erscheinenden Erkrankungen den Arztbesuch und die Diagnose als „verlorene Zeit“ und versucht sich in der Selbstmedikation bzw. „sitzt“ die Erkrankung aus. Unfreiwillig wird dieses Verhalten durch die Lage des Wohnortes verstärkt und ist bedingt und beschränkt durch die infrastrukturellen Rahmenbedingungen und Möglichkeiten des jeweiligen Wohngebietes. In einem Gebiet mit hoher Wohndichte, aber geringer Anzahl an medizinischen Einrichtungen und spezialisierten Ärzten sind die Möglichkeiten einer ärztlichen Konsultation eingeschränkt und mit höheren Unkosten verbunden, die sich z.B. schon in der längeren Anfahrt oder den Wartezeiten widerspiegeln. Für Berufstätige oder Erziehende können dadurch zeitliche Engpässe entstehen, die schwer überbrückbar bzw. nicht vertretbar sind. Die Wahl des Wohnortes bzw. der Niederlassung des Arztes sind wiederum begründet durch finanzielle Möglichkeiten des Individuums bzw. den zu erwartenden finanziellen Aussichten. Finanziell schlechter Gestellte können sich nicht in einer gut ausgebauten Wohngegend, die keinen Mangel an Fachärzten aufweist, ansiedeln. Dahingehend weist LÜTZELER (2008: 392-398) auf lokale Versorgungsprobleme in der Stadt Tôkyô hin, die jedoch weit hinter denen westlicher Großstädte zurückstehen würden. Aber nicht nur Städte als Lebensräume sind betroffen, es herrscht in Japan und Deutschland auch eine ausgeprägte Diskrepanz zwischen der medizinischen Versorgung im städtischen und ländlichen Raum vor. Medizinische Einrichtungen auf dem Land sind seltener und ein Fachärztemangel in „Problemregionen“, also spärlich besiedelten Gegenden wie der Nordosten Deutschlands oder Japans, wird seit einigen Jahren prognostiziert [29][30] . Diese Problematik trifft auch zunehmend auf die Pflege und Unterbringung älterer Menschen zu. KLIE (2002: 151) verweist in diesem Zusammenhang auf mögliche zukünftige Probleme der Finanzierung der sogenannten Pflegekassen, die in Deutschland auf nationaler und Landesebene finanziert werden, während die Finanzierung in Japan von der Lokalverwaltung getragen wird. Somit seien stärkere regionale Versorgungsschwankungen zu erwarten.

Die von älteren Menschen und Pflegebedürftigen in Anspruch genommene Pflege kann grundsätzlich in drei Arten unterteilt werden: Pflege durch die Familie, privatfinanzierte Pflege im eigenen Haushalt und die Pflege in staatlichen Einrichtungen.

Die Pflege durch Familienmitglieder oder Freunde ist für viele Gepflegte am angenehmsten, da sie in einer vertrauten und gewohnten Umgebung durch vertraute Menschen stattfindet und somit familiäre Nähe und Älteren ein Gefühl der Sicherheit bietet. In Japan ist diese Pflege eine Pflege durch Frauen und findet zumeist durch die Schwiegertochter bzw. die eigene Tochter statt, was somit dem traditionellen, aber langsam verschwindenden ie-System entspricht (LINHART 1999: 309-317; TIPTON 2002: 224). Diese ziehen in den Haushalt der zu pflegenden Person oder – das ist häufiger der Fall – nehmen den zu Pflegenden in den eigenen Haushalt auf. Obwohl die Pflege im familiären Haushalt durch Nahestehende Vorteile aufweist, hat sie auch negative Begleiterscheinungen. So haben die Pflegenden oft selbst schon die Pensionsgrenze erreicht und die Pflege bietet ein hohes Stresspotential für beide Beteiligten, da einerseits die Pflege neben der Erziehung der Kinder bzw. der Ausübung eines Berufes stattfindet und andererseits die Gepflegten sich nicht richtig behandelt fühlen. Können solche Konflikte nicht verbalisiert und gelöst werden, findet eine Zuspitzung statt, die dann häufig Teil medialer Berichterstattung werden: Vernachlässigung der Senioren durch Pflegeverweigerung, Gewaltausbrüche und Todesfälle. COULMAS (2007: 103-104), der sich auf KOHARA und ÔTAKE beruft, führt die These an, dass Altenpflege stark von reziproken Erwartung geprägt sei, da der Anreiz für die Kinder Zeit und Geld in die Pflege ihrer Eltern zu investieren höher sei, wenn von den Eltern eine Gegenleistung zu erwarten ist. Dies ist darauf zurückzuführen, dass in Japan „informelle“ Pflege durch Familienangehörige nicht staatlich vergütet wird, während in Deutschland eine Auszahlung der Pflegeversicherungsbezüge möglich, und somit der Anreiz zur Pflege höher sei (CAMPBELL 2002: 179-181).

Privatfinanzierte Pflege ist entweder im eigenen Haushalt durch Pflegedienste oder in Pflegeheimen vorzufinden. Die fremde Pflege im eigenen Haushalt hat als Hauptaugenmerk die Selbstständigkeit von Senioren über einen möglichst langen Zeitraum aufrecht zu erhalten und ermöglicht es ihnen länger im eigenen Haushalt und ihrer Nachbarschaft zu verbleiben (TALCOTT 2002: 89, 92-96) Da sie eine kostenpflichtige Dienstleistung darstellt, ist sie für viele Basisrente beziehende [31] Senioren aufgrund der Kosten nicht finanzierbar. Aufgrund reformierender Gesetzbeschlüsse hat diese Pflegeform sowohl in Japan als auch in Deutschland in den letzten Jahren an Attraktivität und Verbreitung zugenommen.

Als dritte Form der Altenpflege sind die staatlichen Einrichtungen zu erwähnen. Vor allem in Japan sind jedoch diese Einrichtungen nur schwerkranken, meist dementen, Senioren vorbehalten, da die politische Sichtweise der Altenpflege als familiäre Pflicht und Teil der kindlichen Pietät in traditioneller Anlehnung an die konfuzianische Lehre angesehen und somit Etatausgaben in diesem Bereich vermieden wurden (TSUJI 1997: 197,204; LINHART 1997: 313-316). Deshalb wurden staatlichen Einrichtungen schlechte Pflegebedingungen durch Überbelegung, ein schlechtes Verhältnis zwischen den Pflegern und den Senioren und seelischer Stress für die Mitarbeiter und zu Pflegende nachgesagt [32].

„By promoting the slogan of a „Japanese-type welfare society“ (Nihon-gata fukushi shakai) during the 1980s, the government reduced social expenditures and instead called upon the population to recall the traditional virtue of caring for their aged in the family without public support.“ (LÜTZELER 2002: 283).
Da eine rapide Alterung und Überalterung der japanischen Gesellschaft schon eingesetzt hat und im größeren Umfang noch bevorsteht, ist die Fortführung der familiären Pflege strukturell nicht mehr aufrecht zu erhalten und Bedarf eines staatlichen Ausbaus und Restrukturierung. So erfolgt die Finanzierung der staatlichen Pflegeeinrichtungen zur Hälfte durch die Einzahlung in die Pflegeversicherung, die für alle im Alter zwischen vierzig und 65 Jahren Pflicht ist, und zur anderen Hälfte durch öffentliche Gelder, die sich zusammensetzen aus 25 prozentiger Finanzierung durch die Zentralregierung und jeweils 12,5 prozentiger Finanzierung durch die Präfekturen und Gemeinden. Durch die anhaltende Vergreisung von Präfekturen, die außerhalb der Pacific-Belt-Zone (jap.: taiheiyô beruto) liegen, und des Wegzugs jüngerer Menschen in wirtschaftlich attraktivere Gebiete, ist von einem Schwund der Steuereinnahmen zur Finanzierung dieser Alteneinrichtungen auszugehen (vgl. auch LÜTZELER 2002: 286-289). Somit ist von Einbußen bei der medizinischen Versorgung und, langfristig noch gravierender, bei der Lebenserwartung auszugehen.


3.3 Mögliche Folgen der zunehmenden Altenbevölkerung

Durch die Zunahme der Altenbevölkerung werden weitreichende gesellschaftliche, wirtschaftliche und individuelle Folgen zu verzeichnen und für die Zukunft in verstärktem Maße anzunehmen sein. Die im vorangegangen Abschnitt beschriebenen Umstände können in verschiedenen Ausprägungen vorkommen und beim älteren Individuum ein Bild der finanziell unsicheren oder nicht lebenswerten Zukunft entstehen lassen und somit als Suizid begünstigende Rahmenbedingungen betrachtet werden. Diese können sowohl zwischenmenschliche als auch wirtschaftliche Ursachen haben, die im Weiteren erörtert werden.

Zwischenmenschlich wird durch die Verschiebung des Altersschwerpunkts weniger Bevölkerung im erwerbstätigen Alter, dafür aber mehr im Pensionsalter existieren, so dass sich eine verstärkte Isolation durch die höhere Immobilität älterer Menschen und Engpässe und Konflikte um die Pflege entwickeln könnten. Aufgrund der niedrigen Geburtenrate in beiden Ländern wird somit zwangsläufig ein Mangel an Erwerbsbevölkerung in bestimmten Berufsfeldern, wie den Pflegeberufen, existieren und der Rückgriff auf familiäre Pflege wird unumgänglich. Da jedoch auch in Familien „Kindermangel“ herrscht, würden folglich in einem worst-case-Szenario vier Pflege bedürftige Elternteile einem Paar gegenüberstehen, welches in der Regel weder finanziell noch körperlich die Anforderungen erfüllen könnte. Durchaus der Tatsache bewusst, dass die Pflege durch die Familie eine psychisch, wie auch physisch aufopferungsvolle Aufgabe ist, würden Senioren häufiger Suizid verüben, um keine Bürde und Last für die Söhne, Töchter oder andere Verwandte darzustellen und sich „eine Schuld aufzuladen“. Da diese Problematik sich eher zukünftig zuspitzen wird, ist mit einem Anstieg von Alterssuiziden zu rechnen.

Wirtschaftlich ist hauptsächlich eine sinkende Kaufkraft der Älteren zu vermuten, die zwar unter dem Schlagwort des silver market mit speziell auf diese Zielgruppe zugeschnittenen Produkten umgarnt werden, jedoch aufgrund von unumgänglichen Rentenanpassungen und zukünftigen Mehrbelastungen für medizinische Behandlung finanziell nicht mehr so potent sein werden. Die Rentenanpassungen sind aufgrund steigender Sozialausgaben langfristig nicht zu verhindern. So stiegen in Deutschland die Ausgaben der Allgemeinen Rentenversicherung im Vergleichszeitraum von 1995 bis 2006 zwar um 22,7 Prozent, die Ausgaben der Sozialen Pflegeversicherung im selben Zeitraum aber um 241,7 Prozent [33] , während das Bruttoinlandsprodukt nur eine Steigerung von 25,6 Prozent erfuhr. Somit wurden 2005 rund 57 Prozent der öffentlichen Ausgaben für die soziale Sicherung bereitgestellt [34]. In Japan ist eine ähnliche Situation auszumachen, wie Abbildung 15 verdeutlicht. Wenn von der Annahme ausgegangen wird, dass die finanzielle Situationen von Rentner sich in Zukunft eher verschlechtern wird und man dabei berücksichtigt, dass, wie in den vorherigen Abschnitten gezeigt wurde, ökonomische Faktoren einen größeren Einfluss auf die Suizidrate ausüben können dann ist mit einem Anstieg der selbigen zurechnen.

Sollte sich die wirtschaftliche Situation von Senioren nicht wie soeben angenommen entwickeln, so wäre dennoch mit einem Anstieg an vollzogenen Suiziden gerechnet werden. Durch die in den nächsten Jahren zunehmende Zahl an Menschen über 65 Jahren sei die Annahme von einer gleichbleibenden Suizidrate, jedoch einem Anstieg der absoluten Zahl an Alterssuiziden, zu erlauben. Dieser voraussichtliche absolute Zuwachs lässt gleichermaßen Spekulationen über das Ausmaß und die zu erwartenden gesamtgesellschaftlichen Kosten entstehen. Mehr Menschen, als es bislang der Fall war, würden im selbstgewählten Tod ein Ende finden und bedürften einer Bergung und Todesursachenanalyse durch Fachpersonal, z.B. aus dem Eigenheim, der Straße oder von den Gleisen und würden nicht unerhebliche Kosten im öffentlichen Sektor verursachen.

Abbildung 15: Sozialausgaben in Japan nach Kategorie
Quelle: National Institute of Population and Social Security Research: 5.


Während durch Suizide in der eigenen Wohnung andere nicht behelligt werden würden, sind beispielsweise Suizide im Verkehrsnetz der Bahn mit erheblichen weiteren Kosten verbunden, z.B. durch ausgefallene Bahnen, Verspätungen von Bahn und Reisenden und Verdienstausfall von Pendlern und durch verspätete Pendler. Diese Thematik hat AMAMIYA Karin [35] in dem Werk Jisatsu no kosuto (jap.: Die Kosten des Suizids) behandelt und stellt beispielsweise die durch Suizide verursachten Zugverspätungen dar, die eine Zeitspanne von dreißig bis sechzig Minuten annehmen. Sollte also eine Zunahme der Gesamtsuizide stattfinden, so muss auch mit einem Anstieg der öffentlichen Ausgaben für die oben genannten Bergungsoperationen gerechnet werden. Langfristig dem menschlichen und dem sozialen Leben zuträglicher und auch ökonomisch attraktiver wären Präventivmaßnahmen, um die Suizidrate zu senken auf die AMAMIYA im Hauptteil ihrer Arbeit verweist. Eine mögliche Senkung der Suizidraten um dreißig Prozent vermutet auch MOTOHASHI (2005: 96-97, 105-106), insbesondere bei depressionsmotivierten Suiziden und verweist auf die Erfolge, die man bei Modellprojekten in vier Städten in der durch Alterssuizid geprägten Präfektur Akita vorweisen konnte. Um der steigenden Zahl an älteren Menschen und gleichzeitig der sinkenden Zahl an Fachärzten zu begegnen, wird ein Modell bestehend aus Ärzten und freiwilligen Laien vorgeschlagen, die nach ärztlicher Anweisung sich um depressive Nachbarn und Bekannte kümmern und so deren Gesundheitszustand kontrollieren und eine längere häusliche Autonomie der Älteren bewahren können (MOTOHASHI 2005: 102-103). Fraglich bleibt, ob solch ein Modell in einem größeren Maßstab umgesetzt werden könnte, da Depressionen als vornehmliche Suizidursache gelten und somit eine große Anzahl freiwilliger „Laien-Ärzte“ benötigt werden würden. Durch die Einführung einer finanziellen Entlohnung würde man einen zusätzlichen Anreiz zum Engagement in diesem Bereich und gleichzeitig einen breiter angelegten Brückenschlag zu Pflegediensten schaffen, die solch eine betreuende und überwachende Tätigkeit in Teilen bereits ausführen. Unübersehbar bleibt jedoch, dass die Finanzierung solcher „Laien-Arzt“-Projekte nahezu utopisch klingt bei den stark gestiegenen und in Zukunft weiter steigenden öffentlichen Ausgaben im Pflegesektor.

 
Fußnoten:
 
[26] Wenn eine gleichbleibende Zu- und Abwanderung von Menschen in und aus dem Ausland angenommen wird.
 
[27] Zur Arbeitsbevölkerung wird in Deutschland die Bevölkerung von zwanzig bis 64 Jahren gezählt, während in Japan Menschen zwischen 15 und 64 zur Arbeitsbevölkerung gezählt werden.

[28] Das Renteneintrittsalter in Deutschland und Japan wird momentan schrittweise erhöht.

[29] Bundesärztekammer (2001): Zusammenfassung der Studienergebnisse zur Altersstruktur- und Arztzahlenentwicklung:

[30] Bundesärztekammer (2009): Pressemitteilung zum Thema Demographischer Wandel und ärztliche Versorgung:

[31] Basisrente soll hier verstanden werden als staatliche Rentenleistung, welche frei ist von Bezügen, die man aus einem Angestelltenverhältnis o.ä. erworben hat.

[32] Ministry of Health, Labour and Welfare (2004): Untersuchung bezüglich der „Misshandlung gegenüber Älteren“ (2004):

[33] Bundeszentrale für politische Bildung: Sozialleistungen – Entwicklung der Ausgaben:

[34] Bundeszentrale für politische Bildung: Öffentliche Ausgaben nach Aufgabenbereich: http://www.bpb.de/wissen/KNBUJM,0,0,%D6ffentliche_Ausgaben_nach_Aufgabenbereichen.html
(20.03.2010).

[35] Die Autorin AMAMIYA Karin (jap. Schreibung: 雨宮 処凛) wird in der Literatur gelegentlich auch unter der Lesart AMEMIYA Shorin angeführt.

Klassifizierung - Motivation (3/4)

2.3 Motivation der Suizidenten
Das folgende Kapitel behandelt - basierend auf Befragungen und Untersuchungen von Menschen nach Suizidversuchen bzw. deren Angehörigen nach erfolgreich ausgeführten Suiziden - die Ursachen und Beweggründe, die ein Individuum veranlassen können ihrem Leben selbstständig ein Ende zu bereiten.
Primär sollen auslösende Faktoren suizidaler Handlungen veranschaulicht werden, welche grob unterschieden werden in makrosoziale (z.B. Arbeitslosigkeit, Scheidung) und mikrosoziale Determinanten (z.B. individuelle Depressionen über berufliches Scheitern) und Faktoren. Die Motive für den Suizid fasst KLATT (1979: 34-35) nach der Häufigkeit ihres Auftretens in folgende Kategorien zusammen:

  • somatische Erkrankungen und chronische Leiden,

  • psychische Erkrankungen (inkl. Suchterkrankungen),

  • soziale Schwierigkeiten,

  • familiäre Schwierigkeiten,

  • finanzieller bzw. krimineller Hintergrund,

  • unklar
Zu beachten bei dieser Auflistung sei, dass die Suizidmotive nur in wenigen Fällen monokausale Ursachen haben. Es besteht stattdessen eine komplexe Zusammensetzung zwischen inneren und äußeren Beweggründen, welche gleichwohl unterschiedliche Schwerpunkte aufweisen können und u.a. abhängig sind von der wirtschaftlichen Lage, den sozialen Sicherungssystemen oder sogar der Jahreszeit. Suizide werden, entgegen der weitverbreiteten Meinung, überwiegend im Frühjahr bzw. Sommer ausgeführt, statt in den Jahreszeiten Herbst und Winter (vgl. u.a. SOREFF 2009 [16]).

Die körperliche Gesundheit stellt darüber hinaus keinen Indikator für den Suizid dar. Obwohl chronisch oder terminal Erkrankte eher suizidgeneigt sind als gesunde Menschen, ist die physische Konstitution nicht als Erkennungsmerkmal eines Suizidenten zu werten. So fühlen sich ältere Männer oft gesünder als Frauen gleichen Alters, weisen aber in allen Gesellschaften [17]  ;die höheren Suizidraten auf. Dies sei zurückzuführen auf verschiedene, so genannte „Personenvariablen“ (BÖHME 1998: 66), zu denen z.B. das Selbstbild, der Grad des Neurotizismus und Narzissmus, etc. gezählt wird und bei denen eine Korrelation zwischen psychischer und physischer Befindlichkeit vorzufinden ist. So sei nicht die Dauer und Schwere einer Krankheit ursächlich und ausschlaggebend für suizidale Handlungen, sondern das Empfinden dieser Krankheit durch den Kranken und die Veränderung, die es auf sein Selbstbild ausübt (BÖHME 1998: 71).

Aber auch Veränderungen im makrosozialen Bereich, wie der wirtschaftlichen und konjunkturellen Entwicklung eines Landes oder einer Region, beeinflussen die Selbstwahrnehmung, das Selbstbild und somit die Identität eines Individuums und können sowohl einen positiven, als auch negativen Einfluss ausüben. Arbeitslosigkeit sei somit als suizidfördernder Faktor zu betrachten, da mit zunehmender Zeit, die man als Erwerbsloser verbracht hat, auch die Suizidgefahr zunehme (BRONISCH 1995: 69-70; vgl. auch MOTOHASHI 2005: 97). Als Ursache wird der zunehmend geringere sozioökonomische Status und das individuelle Empfinden kein „vollwertiges“ Mitglied einer Gesellschaft darzustellen verstanden. Langzeitarbeitslosigkeit wäre demnach nicht nur unter psychologischen Gesichtspunkten als Suizidfaktor zu betrachten, sondern auch soziologisch auf Grund des desintegrativen Charakters nach Durkheim’schen Verständnis. Das integrative Konzept gilt auch für den Familienstand: Geschiedene bzw. Verwitwete begehen häufiger Suizid als Ledige bzw. Verheiratete (BÖHME 1988: 50, 113).

2.3.1 Japan
Schwere chronische Erkrankungen im höheren Alter können bei besonderer Ausprägung als „suizidmotivierend“ verstanden werden. Bedingt durch regionale Besonderheiten, wie z.B. das Ernährungsverhalten [18]  ;und Migrationsbewegungen, tritt in einigen Präfekturen Japans, z.B. Niigata und Akita, eine erhöhte Häufung von chronischen Krankheiten hervor, während gleichzeitig auch die Zahl an Suiziden deutlich erhöht ist. Die Präfektur Akita, nordöstlich im Tôhoku-Gebiet Japans gelegen und vom ruralen Charakter geprägt, weist bei zerebrovaskulären Erkrankungen  (Hirngefäßerkrankungen, u.a. Schlaganfall) [19] und Demenz die höchste Rate in ganz Japan auf (WATANABE 2001: 158; vgl. auch Abb. 21 und Abb. 22 im Anhang). Zugleich weist die Präfektur Akita auch landesweit die höchste Suizidrate der über 65-Jährigen auf (siehe Tab. 1; unten) und lässt einen kausalen Zusammenhang vermuten zwischen den Fällen der Erkrankten und denen der Suizidenten. WATANABE (2001: 163) und BÖHME (1998: 70-71) merken jedoch an, dass zwischen Suiziden und der physischen Konstitution eines Suizidgefährdeten kein Zusammenhang besteht (siehe auch letzter Abschnitt). Deshalb kann man das regional gehäufte Auftreten schwerer und terminaler Erkrankungen nicht zwangsläufig als Auslöser, aber als einen potentiellen Motivator zum Suizid ansehen.

KANEKO und MOTOHASHI (2006: 116) wiederum sehen einen niedrigen sozio-ökonomischen Status zusammenhängend mit Depressionen und, daraus resultierend, auch Suizidversuchen. Der mit dem Alter, aufgrund von zunehmenden Sterbefällen im Bekanntenkreis, dem sinkenden Einkommen ab etwa 55 Jahren (OECD 2004: 105-106) [20] und nachlassender Physis, sinkende sozioökonomische Status ist in Kombination mit dem sich verändernden Selbstbild im höheren Alter als suizidförderlich und somit als „male vulnerability to suicide“ (MOTOHASHI 2006: 114) zu werten. In diesem Zusammenhang ist eine weitere Vermutung MOTOHASHIS (2005: 97) zu erwähnen, nach der die Arbeitslosenrate auf die Suizidrate einen starken Einfluss hat, da beide Raten in den letzten Jahren angestiegen sind. Deutlicher wird dies in Abbildung 18 im Anhang. Ein direkter Zusammenhang bestehe aber nicht.

Tabelle 1: Vergleich der Alterssuizidraten der über 65-Jährigen (1995; pro 100.000 Einwohner)
Quelle: WATANABE 2001, S. 158.


Einen anderen Einfluss auf die Suizidrate verortet TRAPHAGAN (2004: 315) in der Struktur des traditionellen japanischen Drei-Generationen-Haushalts. Dieses Wohnmodell, bei dem Ältere im Haushalt ihrer erwachsenen Kinder wohnen, verursache gegenüber des Alleinwohnens des Seniors bei eben diesem überdurchschnittlichen Stress und fördere daher suizidale Handlungen. Diese würden auch eine Sanktionsform gegenüber der Familie darstellen. Das Zusammenleben mit den eigenen Kindern verhindere - unerwarteterweise - die Isolation und die Einsamkeit der Senioren nicht, da sich zunehmend die gesellschaftlichen und sozialen Kernwerte der älteren und jüngeren Generation unterscheiden und nach BORDIEUs Habituskonzept einen zusätzlichen Stressfaktor darstellen. Aufgrund dessen beschreiben ältere Suizidgeneigte ihr Dasein als sabishii (jap.: einsam, traurig) und das Leben in und mit der Familie der Kinder als ein eher bedrückendes Abhängigkeitsverhältnis (TRAPHAGAN 2004: 324). Nach Umfragen der japanischen Asahi Shinbun ging innerhalb von sechs Jahren der Wunsch Älterer zur Ko-Residenz mit den Kindern von 58% auf 46% zurück (ASAHI SHINBUN 1993 und 1999).
Suizidale Ursachen deutet TATAI (1991: 41-42) als Resultat von körperlichen Erkrankungen und der dadurch zunehmenden Unmündigkeit Älterer. Dieses sei insbesondere im ländlichen Raum zu beobachten, aus dem die jüngeren Generationen in metropolnahe, beruflich attraktivere Gebiete ziehen und eine Überalterung dieser Regionen verursachen (siehe auch Abschnitt 2.4.3). Gleichzeitig wird von im städtischen Raum lebenden Älteren aber auch das Gefühl der Isolierung und der Fremdheit aufgrund des heutigen schnelleren Lebenswandels kritisiert. Der Suizid in den ruralen Gegenden Japans resultiert jedoch nicht nur aus der Einsamkeit und Isolation der dortigen Senioren, sondern auch anderen innerfamiliären Konflikten, z.B. der Unfähigkeit Älterer die Jüngeren zu verstehen und deren Wunsch sich der jüngeren Generation nicht aufzudrängen, so BECKER (1995: 95-96).

Die interessante Hypothese von Richard EASTERLIN (1987: 1-4; DOLIGER 2004: 205), besagt diesbezüglich, dass verhältnismäßig große Alterskohorten, z.B. Baby-Boom-Jahrgänge, einem erhöhten Leistungsdruck und Wettbewerb um begrenzt zur Verfügung stehenden Ressourcen wie Bildung, Arbeitsplätze, etc. ausgesetzt sind und aus diesen resultierend das Einkommen geringer und die Arbeitslosenrate dieser Alterskohorte höher ausfallen werde. Durch die individuell höheren Erwartungen an die Angehörigen der Kohorte sich gegen einen ungleich größeren Pool an Mitbewerbern durchzusetzen, die als geschmälert betrachteten Chancen der beruflichen Laufbahn und somit eingeschränkten Lebenschancen und –perspektiven, bestünde eine erhöhte Tendenz zum devianten Verhalten. Dieses könne dann u.a. in Aggressionen gegen die Umwelt oder in der Autoaggression münden und somit neben dem Anstieg der Kriminalitätsrate auch zu einer erhöhten Suizidrate solcher geburtenstarker Kohorten führen.

Eine ähnliche Herangehensweise wird auch im Band Waga kuni ni okeru jisatsu no gaiyô oyobi jisatsu taisaku jisshi jôkyô (jap.: Eine Synopsis über den Suizid in unserem Land und die Situation der Durchführung von Gegenmaßnahmen) verfolgt, in dem der sogenannte Kohorteneffekt (jap.: kohôto kôka) einer Altersgruppe beschrieben wird. Alterskohorten würden jeweils prägende und belastende Erfahrungen, wie beispielsweise das Durchleben eines Weltkrieges oder tiefgreifender Wirtschaftskrisen machen, also Phasen der Anomie, welche die Gefahr von vermehrt auftretender individueller Devianz mit sich bringen. Dies sei insbesondere zu beobachten bei der Alterskohorte, die zur Zeit des Zweiten Weltkrieges Schüler waren. Sie weisen in der Nachkriegszeit in den 1950er und 1960er erhöhte Suizidraten auf. Dieses Verhalten habe sich fortgesetzt und verursache bei den heute Sechzig- und Siebzigjährigen erhöhte Suizidtendenzen und -raten (NAIKAKUFU 2006: 12-13).


2.3.2 Deutschland

In Deutschland sind die Motive für Alterssuizid ähnlich wie die in Japan. Zu den Ursachen zählen u.a. Depressionen, chronische Erkrankungen, soziale und familiäre Probleme (BÖHME 1988: 49).

Alte Menschen weisen eine erhöhte psychiatrische Morbidität auf, die aus Konflikten resultiert, die im höherem Alter zutage treten: die äußere und innere Vereinsamung, der Verlust des Partners, chronische bzw. unheilbare Krankheiten und Psychosen (BÖHME 1998: 92; MÜLLER 1993: 26-29). Ein Drittel aller Suizidenten war chronisch erkrankt (Männer 33%, Frauen 28%), ein Fünftel süchtig (Männer 19%) (MÜLLER 1993: 36). Als Suizidauslöser sieht BÖHME „bilanzierende Momente“ (1998: 96), bei welchen das Individuum das Leben rückblickend analysiert und bewertet, und die bei einer Ausprägung einer narzisstischen Störung bzw. Kränkung zum Suizid führen können. Aber auch Verlusterlebnisse, die oft mit Veränderungen des Alltags einhergehen, können ursächlich für Alterssuizide sein (BÖHME 1998: 113). So fungieren zwischenmenschliche Beziehungen als Teil Krisen überwindender oder zumindest Krisen mildernder Strukturen, die mit steigendem Alter einbrechen, z.B. durch den Tod von Freunden und Partnern, der Unterbringung in einem Heim und dem dadurch veränderten Umfeld. Oder auch das Bewusstsein über den langsam fortschreitenden Verlust bisheriger geistiger und körperlicher Kapazitäten, Fertigkeiten und Möglichkeiten kann zu solch bilanzierenden Momenten und Suizidgefahr führen.

Männer erleiden im Alter einen stärkeren Identitätsverlust als Frauen. Das eigene Selbstbild wird dahingehend geschädigt, dass zunehmend Veränderungen der physischen Konstitution, die Anfälligkeit für Krankheiten und Einschränkungen des Alltagslebens auftreten und man somit nicht mehr der „Fels in der Brandung“ ist, als den viele Männer sich gerne sehen. ANGER (1971: 9-10) sieht insbesondere das Nachlassen der männlichen Libido als Anzeichen des Alterungsvorgangs und als suizidfördernd. Als problematisch für viele Senioren beschreibt MÜLLER (1993: 12) den empfundenen und mit dem Alter steigenden Ausschluss älterer Menschen aus dem sozialen und beruflichen Alltagsleben, indem man ihnen durch die fortschreitende Alterung erlangte Kompetenzen abspricht, da die körperlichen und geistigen Fähigkeiten zunehmend nachlassen. Man muss jedoch hierbei beachten, dass dies nur auf bestimmte soziale Gruppierungen und Berufsgruppen zutrifft, da Tätigkeiten, die eine höhere Bildung voraussetzen, auch im hohen Alter noch ein hohes Ansehen genießen, z.B. der Beruf des Arztes, Hochschultätigkeit, etc.
Schließlich sei es aber auch die Angst vor dem Tod, die den Suizid erst fördere (ANGER 1971: 28). Die Furcht einem unbestimmten Ende entgegenzusehen, Krankheiten und womöglich Schmerzen zu erleiden oder in einen vegetativen Zustand überzugehen, würde Senioren veranlassen eher ein bewusst wahrgenommenes und selbstbestimmtes Szenario zu bevorzugen.


2.3.3 Die Vorstellung eines „guten Todes“
Vorstellungen vom Sterbevorgang, dem Jenseits und einem idealen Tod sind kulturell geprägt, historisch gefärbt und können sowohl im medizinischen, religiösen und natürlichen Sinne verstanden und interpretiert werden. Zugleich umfassen Ansichten über den „guten Tod“ auch bioethische und teils kontroverse Diskussionen über Palliativmedizin, Behandlungseinstellung und Euthanasie. Dabei bildet der Sterbevorgang an sich den Raum, der zwischen dem Ende des gewohnten Soziallebens und dem biologischen Tod liegt.
Bei den Vorstellungen vom guten Sterbevorgang und Tod muss grob unterschieden werden zwischen dem „natural“ und dem „medicalized death“ (LONG 2001: 60), die auch eine vage kategoriale Grenzziehung ermöglichen. Der natural death wäre ein Tod, der entweder langsam durch fortgeschrittenes Alter und Organversagen oder plötzlich durch eine biologische Ursache, z.B. Hirnblutung eintritt. Trotz den zeitlich eher gegensätzlichen eintretenden Todesarten stellt der natürliche Tod eine häufig erwünschte Todesart dar. Dieses liegt darin begründet, dass durch das langsame Nahen des Todes respektive der ärztlichen Prognose einer terminalen Krankheit für Menschen die Möglichkeit besteht noch „unerledigte“ Dinge zu verrichten, wie z.B. die finanzielle Absicherung des Partners oder der Kinder, das „Bereinigen“ von bestehenden Konflikten oder der Abschied von Familie und Freunden. Beim plötzlichen natürlichen Tod besteht die Möglichkeit dieser Todesvorbereitungen zwar nicht, trotzdem wird dieser aber auch als wünschenswert erachtet, da weltliche Probleme nicht mehr von Belang sind und ein schneller Tod eintritt, ohne dass Ängste vor dem Sterbevorgang und die damit verbundene Ungewissheit über Schmerzen, Pflegebedürftigkeit durch Unselbstständigkeit, Isolation etc. entstehen können. Der natürliche Tod tritt oft in einer vertrauten, familiären Umgebung ein und vermittelt somit eine friedlichere, ruhigere Atmosphäre.

Allgemein ist beim Sterben in Japan eine friedliche, persönliche Atmosphäre erwünscht bei der Freunde und Familie [21] anwesend sind, wie BECKER anhand von Quality of Death (QOD)-Umfragen dargelegt hat (1997: 99-100). Die natürliche altersbedingte und plötzliche Art des Todes ist in Japan eher erwünscht und unter rôsuishi (jap: Tod durch Altersschwäche) und pokkurishi (jap.: plötzlicher Tod) geläufig. Insbesondere pokkurishi stellt einen interessanten kulturellen Aspekt dar, da viele Ältere in Japan an pokkuri-Tempeln für einen plötzlichen Tod beten (LONG 2001: 47-48; WOSS 1993: 199-200).

Im Gegensatz dazu ist der medicalized death ein Tod, der in sterilen, mit medizinischen Geräten ausgestatten Kranken- und Pflegeeinrichtungen stattfindet. Dieser wird von vielen als nicht wünschenswert betrachtet, da die Vorstellung verbreitet ist durch ethisch und moralisch nicht mehr nachvollziehbare lebenserhaltende Maßnahmen im vegetativen Zustand am biologischen Leben erhalten zu werden, z.B. durch künstliche Beatmung oder Ernährung. Somit werden die Einweisung und der Aufenthalt in solchen Einrichtungen von älteren Menschen als der letzte Akt eines irreversiblen Prozesses verstanden und stellen insofern eine Zäsur des bisher gewohnten sozialen Lebens dar. Zusätzlich besteht in Pflegeeinrichtungen und speziell in Krankenhäusern eine eingeschränkte Privatsphäre und ein anonymes und asynchrones Verhältnis zwischen den Patienten und dem Pflegepersonal bzw. Ärzten, da sich der Patient als Fremdkörper und aufgrund des Mangels an fachlichem Wissen auch als Bittsteller wahrnimmt. Aufgrund dieser Umstände möchten alte Menschen gerne im Kreis der Familie versterben. Ein solches Sterben ist allerdings aufgrund des krankheits- und altersbedingten häufigen Aufenthalts Älterer in Krankenhäusern, Altenheimen und anderen Kranken- und Pflegeeinrichtungen, in denen rund 77 Prozent (LONG 2001: 34) aller Tode zu verzeichnen sind, schwer umzusetzen.
Ein „schlechter Tod“ setzt sich also zusammen aus Isolation, Schmerzen, künstlicher Lebenserhaltung (LONG 2001: 43) und dem eigenen Empfinden eine physische, psychische oder finanzielle Last für Familienmitglieder und Bekannte zu sein. Es zeigt sich mithin eine enorme Diskrepanz zwischen dem „idealen“ Tod und den reellen Bedingungen des Sterbevorgangs, die so wenig mit den Wunschvorstellungen der Älteren übereinstimmen.

Als unbefriedigend werden weiterhin die nach dem Tod oft einsetzenden Prozesse betrachtet. So stellte der Tod vor hundert Jahren im ländlichen japanischen Raum nicht nur ein familiäres Ereignis dar, sondern eines für die ganze Dorfgemeinschaft, welche, z.B. durch die Grabaushebung, zu treffende rituelle und zeremonielle Vorbereitungen etc., eine stärkere gemeinschaftliche Bande zu erzeugen vermochte (Becker 1999: 101). Bis in die heutige Zeit fand ein Wandel statt, so dass heutzutage der Tod eher als Ereignis gefeiert wird, welches die über das gesamte Japan versprengte Familie sich wieder versammeln lässt, während die eigentlichen Vorbereitungen von Bestattungsinstituten übernommen werden. Die Zeremonien werden zwar dem emotionalen und praktischen Bedürfnissen im Sinne des Zeitmanagements gerecht, weisen jedoch durch die standardisierte Bestattungsprozedur einen hohen Grad an Homogenität und Kommerzialisierung aufweisen (LONG 2001: 41).

Interessant ist auch der Aspekt, dass der Tod im hohen Alter als natürlich angesehen wird (LONG 2001: 45). Demnach ist die Akzeptanz des Todes im höheren Alter stärker ausgeprägt als die beim Tod Jugendlicher, da ein alter Mensch die Möglichkeiten und die Zeit hatte die Vorzüge des Lebens auszukosten, während ein Jugendlicher dies nicht konnte. Diese Tendenz gilt auch für den Alterssuizid und bildet insgesamt das Problem der höheren gesellschaftlichen Billigung im Vergleich zu den Suiziden anderer Altersklassen. Somit sind eine verharmlosende Einstellung zum Alterssuizid und ein nicht ausgereiftes Problembewusstsein oft noch vorhanden.

2.3.4 Zwischenfazit
Es lässt sich somit, zurückblickend auf die zweite Frage, festhalten, dass die Motivation zum Suizid sowohl individuellen, als auch gesellschaftlichen Ursprungs sein kann. So sind im höheren Alter chronische und psychische Erkrankungen, aber auch familiäre und soziale Umstände als suizidfördernd anzusehen. Dies gilt insbesondere dann, wenn durch eine Erkrankung oder ein familiäres Ereignis ein Bruch zum bisher gewohnten Leben zu entstehen scheint.

Allgemein kann man sagen, dass die Tendenz zum Suizid mit den Schwierigkeiten im Umgang mit begrenzteren Möglichkeiten bzw. Fähigkeiten in bestimmten Krisensituationen, mit Bewältigungsstrategien hierzu und der Entwicklung eines neuen Rollenverständnisses zusammenhängt. Der gesundheitliche Zustand ist jedoch nur dann suizidrelevant wird, wenn dieser und der zukünftige Krankheitsverlauf vom Individuum als subjektiv negativ wahrgenommen werden. Als besonders suizidgefährdet können deshalb ältere Menschen angesehen werden, denen sogenannte „Coping-Fähigkeiten“ (BÖHME 1988: 152) fehlen und sich somit nicht mit einem verändernden Lebensablauf und Selbstbild arrangieren können.


Fußnoten:

[16] SOREFF, Stephen: Suicide.
[17] Einige wenige Ausnahmen bilden - nach der Erhebung der WHO - Länder, die einen leichten Überschuss an weiblichen Suiziden aufweisen. Generell lässt sich jedoch für alle von der WHO erfassten Nationen feststellen, dass Suizide der Männer die der Frauen zahlenmäßig übersteigen und des Öfteren ein Vielfaches von diesen annehmen, z.B. Suizide in der Russischen Föderation

[18] Übermäßiger Konsum von stark salzhaltigen Speisen, z.B. durch das Pökeln oder Einlegen von Lebensmitteln, kann Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachen (vgl. dazu auch Lützeler 1994).

[19] Im Englischen cerebro vascular diseases (CVD).

[20] Das Sinken des Einkommens ist auf eine Arbeitsmarktentwicklung zurückzuführen, bei der Arbeitnehmer zwischen fünfzig und sechzig Jahren gekündigt und oft im selben Betrieb zu neuen, ungünstigeren, Konditionen eingestellt werden.

[21] Dies bedeutet jedoch nicht, dass von Senioren gleichzeitig ein Leben in der Familie des Kindes erwünscht ist. Einige Senioren empfinden eben dieses als belastend und TRAPHAGAN behauptet, dass es suizidfördernd wirken könne (2004: 315; siehe auch Abschnitt 2.3.1).

Einleitung (3/4)

1.2 Begriffsbedeutung und Definition

Eine wissenschaftliche Kommunikation und Auseinandersetzung mit einer Thematik erfordert den präzisen Gebrauch der Sprache und das genaue Wissen um die Etymologie der gebrauchten Wörter. Deshalb ist es unabdingbar einen Überblick über, und eine Definition für die zu nutzenden Wörter zu schaffen und diese zu erläutern.


1.2.1 Suizid

Das Wort Suizid ist ursprünglich ein aus dem Lateinischen stammendes Wort, welches sich aus zwei Wörtern zusammensetzt: sui und caedere, die „selbst“ und „schlagen, hauen, töten“ bedeuten. Somit bedeutet dieses zusammengesetzte Wort schon in der lateinischen Ursprungsform „Selbsttötung“.

Ähnliche, aber auch andere Begriffe sind häufig in der Literatur zu finden und im täglichen Sprachgebrauch stark vertreten. Genannt seien hier beispielsweise „Selbstmord“, „Selbsttötung“ und „Freitod“. Diese Begriffe zeichnen sich dadurch aus, dass sie einen assoziativen Charakter besitzen, der bei wissenschaftlichen Arbeiten in der Regel nicht erwünscht ist. So ist der Begriff der „Selbsttötung“ zwar neutraler als die beiden anderen Begriffe, umfasst aber nicht explizit Suizide, die eine appellierende Funktion haben und bei denen die Tötung des Ichs nicht im Vordergrund steht.

„Selbstmord“ enthält eine zu starke Konnotation zu dem Begriff des Mordes. Dieser wird im Unterschied zum Suizid als moralisch verwerflich und juristisch gänzlich verboten angesehen. Eine Handlung, die zum Mord führt, schließt Arglist und Bosheit ein, während suizidale Handlungen dieses eher nicht aufweisen. Somit ist „Selbstmord“, aufgrund der unterschiedlich gelagerten moralischen Komponente, generell ein falscher Ausdruck, der zu einer negativen Assoziierung führt.

Als zu euphemistisch und verherrlichend wird der von Jean AMÉRY geprägte Begriff des „Freitods“ empfunden. Er lässt anklingen, dass der Suizid eine bewusste, gewünschte und erstrebenswerte Todesart sei. Dies mag für bestimmte Personen und Umstände durchaus zutreffen, schließt jedoch durch äußere Umstände „erzwungene“ Suizide aus, so dass dieser Begriff eher unvollständig ist.

Aufgrund seiner Neutralität und der umfassenderen Semantik hat sich „Suizid“ oder „selbstschädigende Handlung“ in der wissenschaftlichen Literatur vor anderen Begriffen durchgesetzt.

Dagegen setzt der alltägliche zwischenmenschliche Gebrauch die Wörter „Selbstmord“ und „Suizid“ gleich, und sorgt damit für einen diffusen und undifferenzierten Bezug zum Thema und verwischt somit die nuancierte Bedeutung dieser Wörter.

Im englischen Sprachgebrauch und in der anglosprachigen wissenschaftlichen Literatur hat sich beinahe ausschließlich der Begriff suicide durchgesetzt, welcher jedoch oft im Zusammenhang mit Präfixen (z.B. assisted suicid oder copycat suicide) verwendt wird.

Die japanische Sprache weist dagegen eine hohe Anzahl an Wörtern zum Thema Suizid auf, die verschiedenste semantische Nuancen besitzen. So gibt es Wörter für spezielle Suizide und -arten, wie shinjû (心中; jap.: Doppelsuizid), jôshi (情死; jap.: Liebessuizid) oder diffuse Wörter wie jiketsu (自決; jap.: Suizid, Freitod, Amtsniederlegung, Rücktritt, etc.). Am neutralsten, in der Literatur und im alltäglichen Sprachgebrauch am gebräuchlichsten, ist jisatsu (自殺; jap.: Suizid). Dieses setzt sich aus zwei Kanji zusammen, wobei ji für „selbst“ und satsu „abschneiden, schneiden“, in einer anderen Lesung und alleinstehend aber auch korosu oder koroshi bedeuten kann: „Mord“ bzw. „töten, ermorden, umbringen“. Trotz der auch im Japanischen fehlenden Wertneutralität hat sich dieser Begriff jedoch im allgemeinen Sprachgebrauch durchgesetzt.


1.2.2 Alterssuizid

Ab welchem Alter spricht man bei einem Suizid von einem Alterssuizid?

Zunächst ist es zur Beantwortung dieser Frage wichtig Altersgruppen zu bestimmen, die eine Unterscheidung in „alt“ und „nicht alt“ ermöglichen. Eine Altersgrenze ist allerdings nicht beliebig wählbar und sollte sich, zur besseren nationalen und internationalen Vergleichbarkeit und Nachvollziehbarkeit, an der allgemeinen Definition von gealterten Menschen anlehnen. Dazu kann man den Begriff der Senioren einführen. Wenn man von Senioren spricht, meint man im Allgemeinen gealterte Menschen und je nach Fachgebiet und Diskussionsgegenstand existieren mehrere Möglichkeiten der Begriffseingrenzung, z.B. biologisch, chronologisch, psychologisch und soziologisch. In dieser Arbeit wird größtenteils der chronologische Seniorenbegriff verwendet.

Sowohl in Japan, als auch in Deutschland gibt es eine grobe Phasenaufteilung des Alters: man spricht vom Kind im Alter von 0 Jahren bis 14 Jahren, im Alter von 15 Jahren bis 64 Jahren von Erwerbsbevölkerung bzw. Erwerbsalter. Ab dem Alter von 65 Jahren gilt man als Senior und zählt offiziell nicht mehr zur Arbeitsbevölkerung.

Genauer unterscheidet die WHO ab einem Alter von sechzig: im Alter von 60 Jahren bis 74 Jahren gilt man als „ältere Person“. Ab 75-89 Jahren zählt man zu den „alten Menschen“, als „Hochbetagt“ ab 90 Jahren und ab 100 Jahren sogar als „langlebige Person“.

Dabei ist die generelle Vorstellung von älteren Menschen als gebrechliche, kränkelnde und hilflose Gesellschaftsmitglieder nicht mehr weit verbreitet. Durch die erhöhte Lebenserwartung haben heutige 65-Jährige in Deutschland eine verbleibendende Lebenserwartung von etwas über 16,7 Jahren für Männer und 20,2 Jahren für Frauen (Statistisches Jahrbuch 2008: 53). In Japan liegt die weitere Lebenserwartung ab 65 sogar bei 18,6 Jahren für Männer und 23,6 [9] Jahren für Frauen.

Somit wird in dieser Arbeit ab der Altersgrenze von 65 Jahren vom Alterssuizid gesprochen.

Die eingangs genannten Altersgrenzen werden von den jeweiligen Statistikämtern zur Datenauswertung genutzt, stimmen jedoch in Deutschland und Japan nicht mehr mit dem offiziellen Pensionierungsalter überein. Das effektive Rentenalter liegt in Japan höher als das offizielle, in Deutschland ist es dagegen umgekehrt. So arbeitet ein Großteil der japanischen Altenbevölkerung über das offizielle Pensionierungsalter hinaus, sodass das effektive Ruhestandsalter bei japanischen Männern bei knapp 69,5 Jahren und bei Frauen bei 66,5 Jahren liegt, während diese Werte in Deutschland bei 62,1 und 61 Jahren liegen [10].


1.2.3 „Harte“ und „weiche“ Methoden

In der Literatur treten, neben der expliziten Erwähnung der Suizidmethode, auch Begriffe wie „harte“ und „weiche“ Methoden auf. Darunter ist eine grobe Klassifizierung der Methoden in zwei Gruppen zu verstehen.

Unter weichen Suizidmethoden versteht man den Suizid durch Intoxikation, z.B. durch eine Überdosis an Medikamenten, das Schlucken von giftigen chemischen Flüssigkeiten usw., während bei harten Methoden der Suizid durch Strangulation, Erschießen, Sturz von hohen Gebäuden etc. eingeleitet wird.

Die Unterscheidung erfolgt anhand der Ermittlung der Ernsthaftigkeit des Suizidversuchs, so dass bei harten Suizidmethoden die Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Suizids als höher eingeschätzt wird und somit einen hochgradigeren Ernsthaftigkeitscharakter besitzt. Die Unterscheidung ist nicht vollkommen, da auch vermeintlich weiche Methoden durch die Art der Ausführung (Einnahme eines hochtoxischen Mittels, z.B. Strychnin) eine hohe Ernsthaftigkeit aufweisen können.


Fußnoten:

[9] MHLW 2009: Abridged Life Tables for Japan 2008: 1.

[10] OECD: Ageing and Employment Policies - Statistics on average effective age of retirement. http://www.oecd.org/document/47/0,3343,en_2649_34747_39371887_1_1_1_37419,00.html (29.03.2010).