Ein gesellschaftliches Problem?

3. Alterssuizid – ein gesellschaftliches Problem?

Welche gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen müssen vorliegen, um den Alterssuizid zu einem Problem für die Gesellschaft zu machen?

Im folgenden Abschnitt wird ein kurzer Überblick über die demographische Entwicklung, das Pensions- und das Pflegesystem gezeigt und die möglichen daraus entstehenden Probleme und Folgen für eine alternde Gesellschaft.


3.1 Demographischer Wandel

Als zunächst wertungsfreier Begriff wird der demographische Wandel aufgrund seiner absehbaren und größtenteils unabwendbaren Folgen und Konsequenzen für eine Gesellschaft in einen negativen Kontext eingeordnet, mit dem man in der Regel den Rückgang der Fertilität und gleichzeitig einen Anstieg der Lebenserwartung verbindet. Daraus resultiert die mittelfristige Abnahme der Erwerbsbevölkerung, die Zunahme der Altenbevölkerung und die langfristige Abnahme der Population des Staates [26]. Dieses geht gleichzeitig einher mit einer ansteigenden Instabilität und einem Vertrauensverlust in soziale Sicherungssysteme, da sowohl in Japan als auch Deutschland ein Umlagensystem zur Finanzierung und Etablierung sozialer Sicherungssysteme zur Anwendung kommt und dieses auf der Annahme eines stetigen Bevölkerungswachstums fußt. Die Entwicklung betrifft alle Industrienationen und verursacht neben Unsicherheiten über die Finanzierung des Ruhestands auch größere sozialpolitische Reformen, die u.a. die Erhöhung des Rentenalters bzw. der Lebensarbeitszeit betreffen. Befürchtungen der heutigen Arbeitsbevölkerung betreffen vor allem die Ausschüttung der eingezahlten und bereits vorauskalkulierten Renten und alternative Finanzierungsmöglichkeiten im Ruhestandsalter.

Als kritisch wird in Deutschland und Japan die Tatsache betrachtet, dass schon jetzt und in den nächsten Jahren verstärkt die geburtenstarken Nachkriegsjahrgänge in das Rentenalter eintreten und somit als Steuer- und „Rentenzahler“ ausfallen und Bezugsempfänger werden.


Abbildung 13: Prognose der Bevölkerungszusammensetzung 2010
Quelle: STATISTISCHES BUNDESAMT (2010): 12. Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung.






















Abbildung 14: Bevölkerungszusammensetzung 2007 in Japan
Quelle: MINISTRY OF HEALTH, LABOUR AND WELFARE: Vital Statistics in Japan.



Die Abbildungen 13 und 14 verdeutlichen die Größenordnung dieses Prozesses und zeigen, dass in Deutschland und Japan ein Rückgang der Erwerbsbevölkerung mit gleichzeitiger Zunahme an Pensionsbeziehern stattfindet, jedoch das Gros der „Babyboom“-Jahrgänge noch nicht das Ruhestandsalter erreicht hat, es allerdings in den nächsten Jahren überschreiten wird: in Deutschland ist der Peak in etwa zehn bis 15 Jahren zu erwarten; in Japan ist damit in etwa fünf bis zehn Jahren zu rechnen. Somit wird ein gewaltiger Bevölkerungsanteil Rentenbezüge erwarten, wodurch mit einer Verschärfung der Rentendiskussion und mit umfangreicheren sozialpolitischen Veränderungen zu rechnen ist. Der Anteil der Arbeitsbevölkerung [27] betrug 2009 in Deutschland 61 Prozent, der in Japan 65 Prozent. Der Anteil der über 65-Jährigen, und somit offiziell als Rentenbeziehende geltend [28], liegt in Deutschland bei 21 und in Japan bei 21,5 Prozent. Aufgrund des zukünftig erhöhten Eintritts in das Rentenalter ist aber diesbezüglich von einer stark steigenden Tendenz auszugehen. Eine Stabilisierung dieser Entwicklung und Sicherung des bisherigen Umlagensystems wäre aber mit Hilfe einer erhöhten Zuwanderungsquote an Erwerbsbevölkerung zu erreichen.


3.2 Überalterung der Bevölkerung

Mit der Bevölkerungsalterung und der zunehmenden Überalterung einer Gesellschaft gehen auch Probleme einher, die suizidale Tendenzen älterer Menschen begünstigen können. Die wirtschaftlichen, finanziellen und sozialen Rahmenbedingungen sollen im Folgenden dargestellt werden. Dabei werden Problembereiche angesprochen, welche die Kernforschungspunkte anderer soziologischer Fachrichtungen, u.a. der Ungleich-heitsforschung, der Gerontologie, etc. darstellen. Aufgrund des begrenzten Rahmens dieser Arbeit können jedoch nur ansatzweise Darstellungen der unterschiedlichen Themen geliefert werden.

Zunächst ist für diese Betrachtung ein Überblick über das japanische Pensionssystem zu gewähren. Bei einem grob dreistufigen Aufbau bildet die Volksrente (kokumin nenkin) die Basis, während die Arbeitnehmerversicherung (kôsei nenkin) und die Unterstützungskassen (kyôsai nenkin) ergänzend wirken. Als letzte Stufe sind das Altersruhegeld (taishokukin), die Qualifizierungsrenten (tekikaku taishokukin) und sonstige Arbeitnehmer- und Pensionsfonds vorhanden. Der Bezug dieser Renten erwächst teils aus der freiwilligen Einzahlung in eben diese Pensionsfonds, teils sind Bezüge aus bestimmten Fonds an die Berufszugehörigkeit und dessen Status gebunden, z.B. Beamter, in der Privatwirtschaft Tätiger oder Selbstständiger.

Soziale Interaktion und Freizeitgestaltung werden aufgrund der durch die Pensionierung erhöhten zeitlichen Verfügbarkeit als Hauptbeschäftigung älterer Menschen angesehen. Finanzielle Möglichkeiten begrenzen allerdings das Ausmaß dieser Aktivitäten. Generell ist der Großteil der von in Japan lebenden Menschen über 65 Jahren ausgeübten Freizeitaktivitäten kostenneutral und die gesundheitliche und soziale Komponente steht im Vordergrund (KOYANA 1997: 219). Diese Aktivitäten bestehen im Allgemeinen aus leichter sportlicher Betätigung und dem Konsum von kulturellen Gütern und Massenmedien (STATISTICS BUREAU 2006a: 31). Trotz der eher generell preisgünstigen Freizeitgestaltungen sind auch einige wenige Aktivitäten mit erhöhten finanziellen Kosten, wie z.B. exklusive Sportarten oder Reisen, verbunden, die zusammen mit Tagesausflügen von rund drei Viertel aller Senioren in Anspruch genommen werden (STATISTICS BUREAU 2006b: 22-25). Somit muss betont werden, dass das Ausüben dieser Freizeitbeschäftigungen für Rentner mit unzureichender finanzieller Altersversorgung erschwert bzw. unmöglich wird und dadurch die Möglichkeit sozialer und kultureller Interaktion eingeschränkt wird bzw. verloren geht. Der Punkt der sozialen Interaktion trifft insbesondere auf männliche Senioren zu, da sich aufgrund der erhöhten männlichen Sterberate das Geschlechterverhältnis mit steigendem Alter massiv verschiebt (vgl. Abb. 13 und 14). Dadurch ist ein breiteres Spektrum an Freizeitaktivitäten nur für weibliche Senioren anzunehmen, während das für Männer weniger stark gefächert sein dürfte.

Medizinische Problemfelder, wie z.B. die Arzt-Patient-Kommunikation, wurden schon in Abschnitt 2.3.3 angesprochen. Hier soll jedoch auf weitere Schwierigkeiten hingewiesen werden. Diese zeigen sich insbesondere in der medizinischen Leistungsunterversorgung durch finanzielle Limits und die Pflege älterer Menschen. Die Art der Krankenversicherung ist bei geringem Einkommen größtenteils nur auf die medizinische Grundsicherung ausgelegt, d.h. es sind weniger Leistungen von der Versicherung abgedeckt und es werden nur die als medizinisch sinnvoll und zugleich von der Krankenkasse als finanziell vertretbar erachtete Behandlungen durchgeführt, während andere notwendige Behandlungen, z.B. der Zahnersatz, erst mit einer Teil- oder Vollfinanzierung durch den Patienten ermöglicht werden. Dieses gilt auch für Vorsorgeuntersuchungen, die oftmals von Krankenkassen nicht abgedeckt sind und als nicht notwendig erachtet werden – teils aber auch vom Versicherten nicht in Anspruch genommen werden. Aufgrund dieser Umstände und Umstrukturierungsmaßnahmen der Finanzierung der Krankenkassen und der Behandlung, z.B. durch die sogenannte „Praxisgebühr“ in Deutschland oder durch die Kostenbeteiligung des Patienten an der Behandlung in Japan, erachtet ein Teil der Versicherten bei leichter erscheinenden Erkrankungen den Arztbesuch und die Diagnose als „verlorene Zeit“ und versucht sich in der Selbstmedikation bzw. „sitzt“ die Erkrankung aus. Unfreiwillig wird dieses Verhalten durch die Lage des Wohnortes verstärkt und ist bedingt und beschränkt durch die infrastrukturellen Rahmenbedingungen und Möglichkeiten des jeweiligen Wohngebietes. In einem Gebiet mit hoher Wohndichte, aber geringer Anzahl an medizinischen Einrichtungen und spezialisierten Ärzten sind die Möglichkeiten einer ärztlichen Konsultation eingeschränkt und mit höheren Unkosten verbunden, die sich z.B. schon in der längeren Anfahrt oder den Wartezeiten widerspiegeln. Für Berufstätige oder Erziehende können dadurch zeitliche Engpässe entstehen, die schwer überbrückbar bzw. nicht vertretbar sind. Die Wahl des Wohnortes bzw. der Niederlassung des Arztes sind wiederum begründet durch finanzielle Möglichkeiten des Individuums bzw. den zu erwartenden finanziellen Aussichten. Finanziell schlechter Gestellte können sich nicht in einer gut ausgebauten Wohngegend, die keinen Mangel an Fachärzten aufweist, ansiedeln. Dahingehend weist LÜTZELER (2008: 392-398) auf lokale Versorgungsprobleme in der Stadt Tôkyô hin, die jedoch weit hinter denen westlicher Großstädte zurückstehen würden. Aber nicht nur Städte als Lebensräume sind betroffen, es herrscht in Japan und Deutschland auch eine ausgeprägte Diskrepanz zwischen der medizinischen Versorgung im städtischen und ländlichen Raum vor. Medizinische Einrichtungen auf dem Land sind seltener und ein Fachärztemangel in „Problemregionen“, also spärlich besiedelten Gegenden wie der Nordosten Deutschlands oder Japans, wird seit einigen Jahren prognostiziert [29][30] . Diese Problematik trifft auch zunehmend auf die Pflege und Unterbringung älterer Menschen zu. KLIE (2002: 151) verweist in diesem Zusammenhang auf mögliche zukünftige Probleme der Finanzierung der sogenannten Pflegekassen, die in Deutschland auf nationaler und Landesebene finanziert werden, während die Finanzierung in Japan von der Lokalverwaltung getragen wird. Somit seien stärkere regionale Versorgungsschwankungen zu erwarten.

Die von älteren Menschen und Pflegebedürftigen in Anspruch genommene Pflege kann grundsätzlich in drei Arten unterteilt werden: Pflege durch die Familie, privatfinanzierte Pflege im eigenen Haushalt und die Pflege in staatlichen Einrichtungen.

Die Pflege durch Familienmitglieder oder Freunde ist für viele Gepflegte am angenehmsten, da sie in einer vertrauten und gewohnten Umgebung durch vertraute Menschen stattfindet und somit familiäre Nähe und Älteren ein Gefühl der Sicherheit bietet. In Japan ist diese Pflege eine Pflege durch Frauen und findet zumeist durch die Schwiegertochter bzw. die eigene Tochter statt, was somit dem traditionellen, aber langsam verschwindenden ie-System entspricht (LINHART 1999: 309-317; TIPTON 2002: 224). Diese ziehen in den Haushalt der zu pflegenden Person oder – das ist häufiger der Fall – nehmen den zu Pflegenden in den eigenen Haushalt auf. Obwohl die Pflege im familiären Haushalt durch Nahestehende Vorteile aufweist, hat sie auch negative Begleiterscheinungen. So haben die Pflegenden oft selbst schon die Pensionsgrenze erreicht und die Pflege bietet ein hohes Stresspotential für beide Beteiligten, da einerseits die Pflege neben der Erziehung der Kinder bzw. der Ausübung eines Berufes stattfindet und andererseits die Gepflegten sich nicht richtig behandelt fühlen. Können solche Konflikte nicht verbalisiert und gelöst werden, findet eine Zuspitzung statt, die dann häufig Teil medialer Berichterstattung werden: Vernachlässigung der Senioren durch Pflegeverweigerung, Gewaltausbrüche und Todesfälle. COULMAS (2007: 103-104), der sich auf KOHARA und ÔTAKE beruft, führt die These an, dass Altenpflege stark von reziproken Erwartung geprägt sei, da der Anreiz für die Kinder Zeit und Geld in die Pflege ihrer Eltern zu investieren höher sei, wenn von den Eltern eine Gegenleistung zu erwarten ist. Dies ist darauf zurückzuführen, dass in Japan „informelle“ Pflege durch Familienangehörige nicht staatlich vergütet wird, während in Deutschland eine Auszahlung der Pflegeversicherungsbezüge möglich, und somit der Anreiz zur Pflege höher sei (CAMPBELL 2002: 179-181).

Privatfinanzierte Pflege ist entweder im eigenen Haushalt durch Pflegedienste oder in Pflegeheimen vorzufinden. Die fremde Pflege im eigenen Haushalt hat als Hauptaugenmerk die Selbstständigkeit von Senioren über einen möglichst langen Zeitraum aufrecht zu erhalten und ermöglicht es ihnen länger im eigenen Haushalt und ihrer Nachbarschaft zu verbleiben (TALCOTT 2002: 89, 92-96) Da sie eine kostenpflichtige Dienstleistung darstellt, ist sie für viele Basisrente beziehende [31] Senioren aufgrund der Kosten nicht finanzierbar. Aufgrund reformierender Gesetzbeschlüsse hat diese Pflegeform sowohl in Japan als auch in Deutschland in den letzten Jahren an Attraktivität und Verbreitung zugenommen.

Als dritte Form der Altenpflege sind die staatlichen Einrichtungen zu erwähnen. Vor allem in Japan sind jedoch diese Einrichtungen nur schwerkranken, meist dementen, Senioren vorbehalten, da die politische Sichtweise der Altenpflege als familiäre Pflicht und Teil der kindlichen Pietät in traditioneller Anlehnung an die konfuzianische Lehre angesehen und somit Etatausgaben in diesem Bereich vermieden wurden (TSUJI 1997: 197,204; LINHART 1997: 313-316). Deshalb wurden staatlichen Einrichtungen schlechte Pflegebedingungen durch Überbelegung, ein schlechtes Verhältnis zwischen den Pflegern und den Senioren und seelischer Stress für die Mitarbeiter und zu Pflegende nachgesagt [32].

„By promoting the slogan of a „Japanese-type welfare society“ (Nihon-gata fukushi shakai) during the 1980s, the government reduced social expenditures and instead called upon the population to recall the traditional virtue of caring for their aged in the family without public support.“ (LÜTZELER 2002: 283).
Da eine rapide Alterung und Überalterung der japanischen Gesellschaft schon eingesetzt hat und im größeren Umfang noch bevorsteht, ist die Fortführung der familiären Pflege strukturell nicht mehr aufrecht zu erhalten und Bedarf eines staatlichen Ausbaus und Restrukturierung. So erfolgt die Finanzierung der staatlichen Pflegeeinrichtungen zur Hälfte durch die Einzahlung in die Pflegeversicherung, die für alle im Alter zwischen vierzig und 65 Jahren Pflicht ist, und zur anderen Hälfte durch öffentliche Gelder, die sich zusammensetzen aus 25 prozentiger Finanzierung durch die Zentralregierung und jeweils 12,5 prozentiger Finanzierung durch die Präfekturen und Gemeinden. Durch die anhaltende Vergreisung von Präfekturen, die außerhalb der Pacific-Belt-Zone (jap.: taiheiyô beruto) liegen, und des Wegzugs jüngerer Menschen in wirtschaftlich attraktivere Gebiete, ist von einem Schwund der Steuereinnahmen zur Finanzierung dieser Alteneinrichtungen auszugehen (vgl. auch LÜTZELER 2002: 286-289). Somit ist von Einbußen bei der medizinischen Versorgung und, langfristig noch gravierender, bei der Lebenserwartung auszugehen.


3.3 Mögliche Folgen der zunehmenden Altenbevölkerung

Durch die Zunahme der Altenbevölkerung werden weitreichende gesellschaftliche, wirtschaftliche und individuelle Folgen zu verzeichnen und für die Zukunft in verstärktem Maße anzunehmen sein. Die im vorangegangen Abschnitt beschriebenen Umstände können in verschiedenen Ausprägungen vorkommen und beim älteren Individuum ein Bild der finanziell unsicheren oder nicht lebenswerten Zukunft entstehen lassen und somit als Suizid begünstigende Rahmenbedingungen betrachtet werden. Diese können sowohl zwischenmenschliche als auch wirtschaftliche Ursachen haben, die im Weiteren erörtert werden.

Zwischenmenschlich wird durch die Verschiebung des Altersschwerpunkts weniger Bevölkerung im erwerbstätigen Alter, dafür aber mehr im Pensionsalter existieren, so dass sich eine verstärkte Isolation durch die höhere Immobilität älterer Menschen und Engpässe und Konflikte um die Pflege entwickeln könnten. Aufgrund der niedrigen Geburtenrate in beiden Ländern wird somit zwangsläufig ein Mangel an Erwerbsbevölkerung in bestimmten Berufsfeldern, wie den Pflegeberufen, existieren und der Rückgriff auf familiäre Pflege wird unumgänglich. Da jedoch auch in Familien „Kindermangel“ herrscht, würden folglich in einem worst-case-Szenario vier Pflege bedürftige Elternteile einem Paar gegenüberstehen, welches in der Regel weder finanziell noch körperlich die Anforderungen erfüllen könnte. Durchaus der Tatsache bewusst, dass die Pflege durch die Familie eine psychisch, wie auch physisch aufopferungsvolle Aufgabe ist, würden Senioren häufiger Suizid verüben, um keine Bürde und Last für die Söhne, Töchter oder andere Verwandte darzustellen und sich „eine Schuld aufzuladen“. Da diese Problematik sich eher zukünftig zuspitzen wird, ist mit einem Anstieg von Alterssuiziden zu rechnen.

Wirtschaftlich ist hauptsächlich eine sinkende Kaufkraft der Älteren zu vermuten, die zwar unter dem Schlagwort des silver market mit speziell auf diese Zielgruppe zugeschnittenen Produkten umgarnt werden, jedoch aufgrund von unumgänglichen Rentenanpassungen und zukünftigen Mehrbelastungen für medizinische Behandlung finanziell nicht mehr so potent sein werden. Die Rentenanpassungen sind aufgrund steigender Sozialausgaben langfristig nicht zu verhindern. So stiegen in Deutschland die Ausgaben der Allgemeinen Rentenversicherung im Vergleichszeitraum von 1995 bis 2006 zwar um 22,7 Prozent, die Ausgaben der Sozialen Pflegeversicherung im selben Zeitraum aber um 241,7 Prozent [33] , während das Bruttoinlandsprodukt nur eine Steigerung von 25,6 Prozent erfuhr. Somit wurden 2005 rund 57 Prozent der öffentlichen Ausgaben für die soziale Sicherung bereitgestellt [34]. In Japan ist eine ähnliche Situation auszumachen, wie Abbildung 15 verdeutlicht. Wenn von der Annahme ausgegangen wird, dass die finanzielle Situationen von Rentner sich in Zukunft eher verschlechtern wird und man dabei berücksichtigt, dass, wie in den vorherigen Abschnitten gezeigt wurde, ökonomische Faktoren einen größeren Einfluss auf die Suizidrate ausüben können dann ist mit einem Anstieg der selbigen zurechnen.

Sollte sich die wirtschaftliche Situation von Senioren nicht wie soeben angenommen entwickeln, so wäre dennoch mit einem Anstieg an vollzogenen Suiziden gerechnet werden. Durch die in den nächsten Jahren zunehmende Zahl an Menschen über 65 Jahren sei die Annahme von einer gleichbleibenden Suizidrate, jedoch einem Anstieg der absoluten Zahl an Alterssuiziden, zu erlauben. Dieser voraussichtliche absolute Zuwachs lässt gleichermaßen Spekulationen über das Ausmaß und die zu erwartenden gesamtgesellschaftlichen Kosten entstehen. Mehr Menschen, als es bislang der Fall war, würden im selbstgewählten Tod ein Ende finden und bedürften einer Bergung und Todesursachenanalyse durch Fachpersonal, z.B. aus dem Eigenheim, der Straße oder von den Gleisen und würden nicht unerhebliche Kosten im öffentlichen Sektor verursachen.

Abbildung 15: Sozialausgaben in Japan nach Kategorie
Quelle: National Institute of Population and Social Security Research: 5.


Während durch Suizide in der eigenen Wohnung andere nicht behelligt werden würden, sind beispielsweise Suizide im Verkehrsnetz der Bahn mit erheblichen weiteren Kosten verbunden, z.B. durch ausgefallene Bahnen, Verspätungen von Bahn und Reisenden und Verdienstausfall von Pendlern und durch verspätete Pendler. Diese Thematik hat AMAMIYA Karin [35] in dem Werk Jisatsu no kosuto (jap.: Die Kosten des Suizids) behandelt und stellt beispielsweise die durch Suizide verursachten Zugverspätungen dar, die eine Zeitspanne von dreißig bis sechzig Minuten annehmen. Sollte also eine Zunahme der Gesamtsuizide stattfinden, so muss auch mit einem Anstieg der öffentlichen Ausgaben für die oben genannten Bergungsoperationen gerechnet werden. Langfristig dem menschlichen und dem sozialen Leben zuträglicher und auch ökonomisch attraktiver wären Präventivmaßnahmen, um die Suizidrate zu senken auf die AMAMIYA im Hauptteil ihrer Arbeit verweist. Eine mögliche Senkung der Suizidraten um dreißig Prozent vermutet auch MOTOHASHI (2005: 96-97, 105-106), insbesondere bei depressionsmotivierten Suiziden und verweist auf die Erfolge, die man bei Modellprojekten in vier Städten in der durch Alterssuizid geprägten Präfektur Akita vorweisen konnte. Um der steigenden Zahl an älteren Menschen und gleichzeitig der sinkenden Zahl an Fachärzten zu begegnen, wird ein Modell bestehend aus Ärzten und freiwilligen Laien vorgeschlagen, die nach ärztlicher Anweisung sich um depressive Nachbarn und Bekannte kümmern und so deren Gesundheitszustand kontrollieren und eine längere häusliche Autonomie der Älteren bewahren können (MOTOHASHI 2005: 102-103). Fraglich bleibt, ob solch ein Modell in einem größeren Maßstab umgesetzt werden könnte, da Depressionen als vornehmliche Suizidursache gelten und somit eine große Anzahl freiwilliger „Laien-Ärzte“ benötigt werden würden. Durch die Einführung einer finanziellen Entlohnung würde man einen zusätzlichen Anreiz zum Engagement in diesem Bereich und gleichzeitig einen breiter angelegten Brückenschlag zu Pflegediensten schaffen, die solch eine betreuende und überwachende Tätigkeit in Teilen bereits ausführen. Unübersehbar bleibt jedoch, dass die Finanzierung solcher „Laien-Arzt“-Projekte nahezu utopisch klingt bei den stark gestiegenen und in Zukunft weiter steigenden öffentlichen Ausgaben im Pflegesektor.

 
Fußnoten:
 
[26] Wenn eine gleichbleibende Zu- und Abwanderung von Menschen in und aus dem Ausland angenommen wird.
 
[27] Zur Arbeitsbevölkerung wird in Deutschland die Bevölkerung von zwanzig bis 64 Jahren gezählt, während in Japan Menschen zwischen 15 und 64 zur Arbeitsbevölkerung gezählt werden.

[28] Das Renteneintrittsalter in Deutschland und Japan wird momentan schrittweise erhöht.

[29] Bundesärztekammer (2001): Zusammenfassung der Studienergebnisse zur Altersstruktur- und Arztzahlenentwicklung:

[30] Bundesärztekammer (2009): Pressemitteilung zum Thema Demographischer Wandel und ärztliche Versorgung:

[31] Basisrente soll hier verstanden werden als staatliche Rentenleistung, welche frei ist von Bezügen, die man aus einem Angestelltenverhältnis o.ä. erworben hat.

[32] Ministry of Health, Labour and Welfare (2004): Untersuchung bezüglich der „Misshandlung gegenüber Älteren“ (2004):

[33] Bundeszentrale für politische Bildung: Sozialleistungen – Entwicklung der Ausgaben:

[34] Bundeszentrale für politische Bildung: Öffentliche Ausgaben nach Aufgabenbereich: http://www.bpb.de/wissen/KNBUJM,0,0,%D6ffentliche_Ausgaben_nach_Aufgabenbereichen.html
(20.03.2010).

[35] Die Autorin AMAMIYA Karin (jap. Schreibung: 雨宮 処凛) wird in der Literatur gelegentlich auch unter der Lesart AMEMIYA Shorin angeführt.

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