Einleitung (2/4)

1.1 Heranführung an das Thema

Der folgende Abschnitt bietet mit einem Abriss über die Geschichte der Suizidologie, der groben Darstellung des Forschungsstandes, des Aktualitätsbezuges und der Beschreibung von Problemen bei der Erfassung von Daten eine erste Berührung mit der Thematik des Suizids, welche in den nachfolgenden Abschnitten der Arbeit eine vertiefende Auseinandersetzung widerfährt.


1.1.1 Geschichtliche Entwicklung

Durch die industrielle Revolution, rapide naturwissenschaftliche Fortschritte und die Reifung und Herausbildung bestimmter gesellschaftlicher Strukturen und Phänomene vertiefte sich das geisteswissenschaftliche Bestreben die gesellschaftlichen Vorgänge und Entwicklungen berechenbar und vorhersagbar zu machen. Die Zahl statistisch erfasster Daten, wie z.B. Fertilitäts- und Mortalitätsdaten, Einkommen, Bildung, usw. wuchs und erlaubte präzisere Hypothesen und Theorien der Bevölkerungsentwicklung und ließ die Möglichkeiten und Ideen einer Einschätzung, Vorhersage und Steuerung der Bevölkerung erwachsen. Aus der Auswertung der Bevölkerungsdaten und Beobachtung von gesellschaftlichen Vorgängen ging allmählich die eigenständige geisteswissenschaftliche Disziplin der Soziologie hervor.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts befassten sich zunehmend Sozialwissenschaftler mit der Thematik des Suizids, darunter auch MASARYK, KROSE und DURKHEIM (1858-1917), die man als „ursprüngliche Kraft“ des Suizids als Forschungsthema und der Suizidologie betrachten kann. Als Mitbegründer der modernen Soziologie lieferte DURKHEIMs Buch Le Suicide den Grundstein der Suizidforschung und es gilt bis heute noch als Lieferant für Diskussionsstoff und Interpretationsansätze für suizidale Handlungen. Galt in der Anfangszeit der Suizidologie die soziologische Erklärung suizidaler Handlungen als anerkannt, sind in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhundert vielfältige Arbeiten anderer geistes- und naturwissenschaftlicher Bereiche erschienen, die ein umfassenderes Bild suizidalen Verhaltens und Ursachen darstellen.


1.1.2 Aktualität des Themas

Das Thema Suizid ist eines, welches die Menschheit seit dem Anbeginn des reflektierenden Denkens begleitet hat und wohl auch immer begleiten wird. Suizide fanden in der Vergangenheit der verschiedenen Kulturen aus unterschiedlichen Gründen statt, z.B. existierten philosophische und individuelle Überzeugungen oder eine wirtschaftliche Lage und unvorteilhafte soziale Stellung, die suizidales Verhalten förderten bzw. erst ermöglichten. Dies trifft auch auf die heutige Zeit zu und der Suizid erfährt insbesondere dann mediale Aufmerksamkeit, wenn Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens diesen begangen haben, wie z.B. der Nationaltorwart Robert Enke oder der nicht unumstrittene Rechtsanwalt Günter Freiherr von Gravenreuth.

Aufgrund der hohen Alterssuizidraten in der Nachkriegszeit und der zunehmend größeren Altenbevölkerung durch das Altern der Baby-Boom-Jahrgänge ist der Alterssuizid in den letzten Jahrzehnten ein ausgesprochen beliebtes wissenschaftliches Thema geworden. Die durch den demographischen Wandel starke Veränderung der Alterszusammensetzung von Industrienationen führt allmählich zu einer Schwerpunktverlagerung der Suizidforschung und einem stärkeren öffentlichen und medialen Fokus auf eben diese Altersgruppen, wie z.B bei einem kürzlich stattgefundenen Symposium mit Premierminister Hatoyama zum Thema Suizid und Armut [1] oder dem vollzogenen Suizid eines japanischen Rentnerehepaares im Urlaub, um der schwindenden Gesundheit zuvorzukommen [2].


1.1.3 Stand der Forschung und Literaturlage

Der bisherige Stand der Forschung zum Suizid im Allgemeinen ist sehr umfassend und behandelt den Suizid sowohl getrennt innerhalb einzelner wissenschaftlicher Bereiche, wie der Soziologie, der Biologie und der Psychologie, als auch interdisziplinär.

Interdisziplinäre Ansätze sind zwar seltener vorzufinden, versuchen aber einen allgemeinen und umfassenden Erklärungs- und Deutungsrahmen zu liefern, indem sie sowohl innere als auch äußere Beweggründe für den Suizid aus den einzelnen wissenschaftlichen Fachbereichen vereinen, versuchen sie das Zusammenwirken sozialer und gesellschaftlicher Gefüge im Kontext des Suizids, z.B. durch die Diagnostizierung psychischer Erkrankungen, genetischer Dispositionen, etc. zu erläutern.

Im Groben kann man die wissenschaftlichen Untersuchungen in Querschnittstudien, die den Erklärungsansatz der unterschiedlichen Höhe von Suizidraten international verfolgen, und Längsschnittanalysen, welche die Entwicklung von Suizidraten innerhalb eines Landes oder länderübergreifend betrachten, aufteilen.

Die Menge an wissenschaftlichen Publikationen zum Suizid ist üppig und existiert in Form von Dissertationsschriften, Monographien und wissenschaftlichen Artikeln. Thematisch decken diese die Suizidrate und Phänomene einzelner „interessanter“ Länder ab, welche sich vornehmlich aus den Industrienationen der westlichen Welt (USA und Europa) zusammensetzen. Der Fokus ist jedoch auch zunehmend auf asiatische Länder gerichtet, wie z.B. Indien, Korea oder Japan. Vergleichende Analysen und Interpretationen zwischen den westlichen und asiatischen Ländern respektive den Ländern der südlichen Hemisphäre sind dagegen seltener [3]. Gründe hierfür mögen die Bevorzugung geographisch nah beieinander liegender Nationen zum besseren Vergleich, die lückenhafte Datenlage, aufgrund zeitlich nicht gleichmäßig und nicht genauer differenzierter Erfassung von Mortalitätsdaten und -ursachen oder religiöse bzw. politische Restriktionen sein (siehe auch nächster Abschnitt).


1.1.4 Probleme bei der Erfassung von Mortalitätsdaten

Der Suizid wird in beinahe allen Kulturen kontrovers gesehen. So gab es in der Antike bereits einerseits bekannte Persönlichkeiten wie Hegesias, die die Möglichkeit des Suizids befürworteten, als auch andererseits prominente Gegner desselbigen, wie Platon oder Cicero. Während in der Antike im weitesten Sinne ein offener Diskurs geführt wurde und der Suizid als Möglichkeit in einer ausweglosen Situation unter römischen Legionären stattgefunden haben soll, fand im Mittelalter hingegen eine zunehmende Verurteilung des Suizids durch die katholische Kirche, insbesondere durch die Lehren Augustinus von Hippo, statt. Der Suizident wurde als Sünder charakterisiert, da er das Leben, Gottes Geschenk an den Menschen, ablehnte und somit die Herrschaft Gottes in Frage stellte. Ab 1184 wurde der Suizid Teil des kanonischen Rechtes und ging durch die starke Machtstellung der Kirche in die Gesetzgebung mittelalterlicher Staaten über (BIERI 2005: 20-21; BRONISCH 1995: 8).

Durch die zunehmende Verbreitung von humanistischen Idealen und einer stärkeren Säkularisierung in den Industrienationen, verloren der Suizid und die Suizidhandlung einiges von ihrem Tabu-Potential und damit auch die Stigmatisierung der Betroffenen.

Trotz allem bleibt der Suizid weiterhin ein gesellschaftliches Tabuthema. Dies wird vor allem dadurch deutlich, dass Suizidfälle äußerst selten Teil von Presseberichterstattungen werden, da man den sogenannten Werther-Effekt [4] vermeiden möchte. Benannt nach dem 1774 erschienenen Roman „Die Leiden des jungen Werther“ von Johann Wolfgang von Goethe, in welchem der Protagonist Werther am Endes des Romans Suizid begeht, bezeichnet dieser Effekt eine nachahmende Suizidhandlung aufgrund der Medienberichterstattung zum Suizid, wie es nach der Veröffentlichung von Goethes Roman geschehen war. Dass dieses Nachahmungsphänomen in der heutigen Zeit noch aktuell ist, wird deutlich am aktuell gültigen Pressekodex des Deutschen Presserates:

Richtlinie 8.5 - Selbsttötung

Die Berichterstattung über Selbsttötung gebietet Zurückhaltung. Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen und die Schilderung näherer Begleitumstände. Eine Ausnahme ist beispielsweise dann zu rechtfertigen, wenn es sich um einen Vorfall der Zeitgeschichte von öffentlichem Interesse handelt [5].
Die Ursache für die weiterhin erfolgende Tabuisierung liegt in der Zunahme von Nachahmungssuiziden nach veröffentlichten Zeitungsartikeln, Polizeiberichten, Fernsehserien und Filmen, die den Suizid zum Thema haben. Die mediale Vermeidung der Thematik dient zwar dem Schutz der Öffentlichkeit, erschwert aber eine öffentliche Auseinandersetzung mit dem Suizid abseits der Fachmedien.

Die oben angesprochenen Schwierigkeiten stellen auch ein grundlegendes Problem von Mortalitätsdaten dar. Aufgrund der Zuweisung von Attributen wie „psychisch krank“, „lebensverneinend“ und „degeneriert“ zu Suizidenten und deren Umfeld besteht bei vielen Angehörigen das Bedürfnis den Suizid nicht als solchen feststellen bzw. bekannt werden zu lassen. Ärzten und Polizisten ist diese Tatsache bewusst und die Tendenz, bei der Feststellung der Todesursache, statt „Suizid“ den „Unfall“ anzugeben, besteht. Hinzu kommt, dass oftmals ohne Obduktion des Leichnams eine genaue Todesursache nicht diagnostizierbar ist, da natürliche und selbstinduzierte Tode sich in ihren Symptomen überschneiden können – insbesondere bei älteren Menschen.

Die Quote unerkannter Alterssuizide wird auf zehn Prozent geschätzt [6]. Teils gibt es aber auch Schätzungen, die von 25 Prozent ausgehen. So besteht laut BRONISCH (1995: 19) ein Problem bei der Trennung zwischen erfolgreichem Suizidversuch und natürlich eingetretenem Tod. Zu letzterem würde beispielshalber auch die Nichteinnahme von lebensnotwendigen Medikamenten gezählt werden.

Der Wunsch der Angehörigen nach der Feststellung einer „natürlichen“ Todesursache ist häufig auch materiell begründet. Resultierend aus der gesetzlichen Rechtslage in Deutschland erfolgt eine Auszahlung der Lebensversicherung eines Suizidenten erst drei Jahre nach Abschluss (§ 161 VVG [7]). Zu erwarten wäre eine ähnliche gesetzliche Lage in Japan, die es noch zu untersuchen gilt. Jedoch findet ein um ein Jahr verzögerter Suizidanstieg nach einer abgeschlossenen Lebensversicherung statt und erreicht mit dem eineinhalbfachen Wert eine beachtliche Ausprägung. Aus diesem Grund sind Karenzfristen, ab denen eine Auszahlung stattfindet, bei dem Gros der japanischen Lebensversicherungen von mindestens zwei Jahre vorgesehen (AMAMIYA 2002: 67-68, siehe auch Anhang: Abb. 24; S.72).

Die internationale Vergleichbarkeit von Suizidstatistiken ist auch dadurch erschwert, dass die Erhebungsmethoden trotz des eingeführten Diagnoseklassifizierungssystems (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems; ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation (WHO), sowie die Bevölkerungszusammensetzung stark variieren und zusätzlich landesabhängig eine schwankende Dunkelziffer existiert. Auch erheben einige Länder [8] keine Zahlen bzw. geben diese nicht weiter. Dies bezieht sich aber größtenteils auf stark muslimisch geprägte Länder, in denen der Suizid durch den Islam verboten ist.



Fußnoten:

[1] MBS News: Jisatsu to hinkonmondai wo kangaeru shimpo kaisai [Symposium über Suizid und Armutsprobleme].
[3] Japan bildet dagegen ein beliebtes Vergleichsobjekt mit westlichen Nationen.

[4] Im englischsprachigen Raum auch als copycat suicide bekannt.

[5] Deutscher Presserat: Pressekodex. Richtlinien zu Ziffer 8.

[6] TV-Sendung des ZDF-Magazin „Frontal 21“ (2005): Suizid im Alter - Interview mit Prof. Wolfgang Eisenmerger vom Institut für Rechtsmedizin in München. Sendung vom 9. August 2005.

[7] Versicherungsvertragsgesetz zum Thema Selbsttötung.

[8] WHO: Suicide rates per 100,000 by country, year and sex.

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