Klassifizierung - Erklärungsansätze (2/4)

2.2 Erklärungsansätze suizidaler Handlungen

Versuche suizidale Tendenzen und Handlungen zu erklären werden von verschiedenen natur- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen angestrebt und sollen im Folgenden im soweit anerkannt geltenden Forschungsstand vorgestellt werden. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem soziologischen Ansatz nach Durkheims Integrationskonzept. Zu beachten gilt, dass aufgrund des begrenzten Umfangs der Arbeit eine intensive Auseinandersetzung und kritische Würdigung der Ergebnisse der einzelnen Bereiche nur ansatzweise erfolgen kann.


2.2.1 Biologie

Versuche suizidale Handlungen biologisch als genetischen Makel zu erklären sind nicht unumstritten, besitzen jedoch, ähnlich den Untersuchungen bezüglich der Vererbung von Intelligenz, interessante Ansätze und Theorien.

Es wird zwar nicht davon ausgegangen, dass suizidale Handlungen vererbbar sind, jedoch durch die Vererbung der „Unfähigkeit der Impulskontrolle“ Risikofaktoren zum Suizid vorhanden sind. Diese Annahme basiert auf der Beobachtung, dass die genetischen Disposition und die Anfälligkeit für psychische Störungen und einer geringeren Stressresistenz, vererbt werden können. So sei der Suizid in Familien mit häufig auftretenden manisch-depressiven Störungen überdurchschnittlich hoch (BRONISCH 1995: 59).

Als Ursache für Depressionen werden fehlerhafte Stoffwechselprozesse im Gehirn gesehen, insbesondere eine Haushaltsfehlregulation des Nervenbotenstoffes Serotonin. Ein niedriges Vorkommen des Serotonin-Abbauproduktes 5-HIES (5-Hydroxiindol-Essigsäure) deute explizit auf zukünftige Suizidversuche mit harten Methoden hin (BRONISCH 1995: 62-63). Bei unmittelbar durchgeführten post-mortem-Untersuchungen an Verstorbenen befanden sich in der Vorderhirnrinde ein erhöhter Wert an Serotonin-Rezeptoren und gleichzeitig ein niedriger 5-HIES-Wert [13]  (BAUMANN 1992: 85-87; RUJESCU 2001: 67-70), was diese Theorie zu bestätigen scheint. Erwähnt werden muss, dass diese Serotonin-Fehlregulation jedoch auch bei nicht-suizidalen gefährdeten Menschen, häufig bei jungen Männern auftritt, und sich in einer erhöhten Aggressivität, Furchtlosigkeit und leichten Erregbarkeit äußert (BRONISCH 1995: 64).

Obwohl eine vererbbare Disposition für Depressionen existiert und diese wiederum zu einem suizidalem Ausgang führen können, gilt es zu beachten, dass nicht jeder Suizid biologisch erklärt werden kann, da beispielsweise ein ausgeführter Suizid auch eine Nachahmungstat (BRONISCH 1995: 56) oder eine wohl überlegte persönliche Entscheidung sein kann und somit nicht zwangsläufig biologische Ursachen anzunehmen sind.


2.2.2 Psychologie

Der psychologische Ansatz den Suizid zu erklären beschäftigt sich mit der individuellen Motivation des Individuums.

Der Suizid wird in der Psychologie nicht als eine eigenständige Störung, sondern als ein Symptom einer depressiven Störung angesehen (BRONISCH 1995: 38-39). FREUD formulierte 1920 in seinem Werk Jenseits der Lust die Triebtheorie, welcher zufolge der Mensch einen angeboren Aggressionstrieb [14]  besitze und einen ihm verborgenen Hang zur Selbstzerstörung, der durch das Ich reguliert wird. Aggressionen bauen sich durch vorangegangen Frustrationen auf, werden jedoch meist gegen die Quelle der Aggression abgeleitet. Angestaute, nicht ausgelebte, Aggressionen können der Katharsishypothese [15]  zufolge abgebaut werden und würden ein psychisches Gleichgewicht schaffen. Können Aggressionen nicht abgebaut werden oder treten Störungen des Ichs auf, die dieses verhindern oder das Selbstbild dahingehend verändern, so kann dies in einer Autoaggression resultieren. Zusätzlich kann eine Abhängigkeit, z.B. der Konsum von Drogen oder Alkohol, psychische Probleme vertiefen und eskalieren lassen und somit den Suizid begünstigen. Dieses gilt jedoch nicht nur für Aggressionsstörungen, sondern auch für Panikstörungen, die häufig im Zusammenhang mit Depressionen auftreten (BRONISCH 1995: 42-43).

Nicht nur autoaggressive Schübe können für Suizide verantwortlich sein, sondern auch psychische Leiden und bleibende, verstörende Lebenserfahrungen, wie sie beispiels-weise dem Schriftsteller Jean Améry widerfuhren.


2.2.3 Soziologie

In der Soziologie existiert eine Vielzahl an Untersuchungen zum Suizid.

Als eine der ersten systematisch durchgeführten Beobachtungen und Untersuchungen kann Le Suicide von DURKHEIM angesehen werden, welche den Suizid in Abhängigkeit zu verschiedenen sozialen Faktoren, wie Familie, Politik, konfessioneller Glaubenszugehörigkeit etc. zum Untersuchungsgegenstand hat. Bis heute wird Le Suicide als generelle Basis der Suizidologie angesehen. Durkheim entwarf, unter Berücksichtigung der Konzeption von sozialer Integration und Ordnung, vier Modelle von Suizidarten, welche abhängig vom Grad der gesellschaftlichen Integration auftreten. Die Voraussetzung für niedrige Suizidraten ist dabei, dass die Individuation des Individuums einen Mittelweg beschreitet. Tritt eine zu starke Ausprägung der Individuation auf, erfolgt die Handlung des egoistischen Suizid, da sich das Individuum durch einen übertriebenen Egoismus von der Gesellschaft abkapselt und schließlich isoliert. Als Gegenpol dazu konstruiert DURKHEIM den altruistischen Suizid, der bei gering entwickelten Kulturen und bei starker sozialer Unterordnung auftritt. Abhängig von der sozialen Ordnung tauche auch der anomische und fatalistische Suizid auf. Tiefgreifende soziale Veränderungen, wie z.B. eine angespannte wirtschaftliche Lage, verändern gesellschaftliche Norm- und Wertvorstellungen und die sozialen Regeln, stören somit die Stabilität der sozialen Beziehungen und führen zum anomischen Suizid. Das gelte selbst im Falle von als positiv bewerteten Entwicklungen:

„Jede Störung des Gleichgewichts, sogar wenn sie einen grösseren (sic!) Wohlstand zur Folge hat oder eine Stärkung der Vitalität, treibt die Selbstmordzahlen in die Höhe. Jedesmal (sic!), wenn es im sozialen Körper tiefgreifende Umstellungen gibt, sei es infolge plötzlichen Wachstums oder nach unerwarteten Erschütterungen, gibt der Mensch der Versuchung zum Selbstmord leichter nach.“ (DURKHEIM 1983: 279).

DURKHEIMS Schlussfolgerungen kann man insoweit zusammenfassen, als dass gesellschaftliche Integration ein wesentlicher Faktor suizidaler Handlungen ist. So verweist er auf die Existenz eines Nord-Süd-Gefälles in den europäischen Staaten, d.h. dass der Suizid in den nördlichen Ländern Europas häufiger ausgeführt wird als in den südlichen. Die Begründung für dieses besondere Vorkommen sieht DURKHEIM in der besseren gesellschaftlichen Integration im Süden aufgrund der stärkeren Präsenz kirchlicher Institution und traditioneller Wertvorstellungen, da im südlichen Europa überwiegend der Katholizismus und somit strengere Glaubensregeln dominieren.

Zusätzlich zu der Kritik an Durkheims frauenfeindlicher, wohl aber zeitgenössischer, Betrachtungsweise und dem theoretischen Unterbau (GIBBS und MARTIN 2001: 7) äußert auch BIERI Kritik an Durkheims Theorie der Desintegration des Individuums als Suizid auslösender Faktor. Der Theorie zufolge müsste die zunehmende gesellschaftliche Integration des Menschen zur Lebensmitte aufgrund von Beruf, Familiengründung, etc. eine abnehmende Suizidrate bewirken (2005: 33). Jedoch wird sowohl schon in den Durkheim zugrunde liegenden Daten als auch im vorherigen Abschnitt deutlich, dass mit steigendem Alter auch die Suizidrate zunimmt. Auch ist die Feststellung Durkheims umstritten, dass die Religionszugehörigkeit die Suizidrate beeinflusst. Eher ist es so, dass die Urbanisationsrate von Norden nach Süden abnimmt und in ländlichen Gebieten, in denen der Suizid in Europa durch die weniger belastenden Lebensumstände geringer ist, vermehrt Katholiken leben, und in städtischen Gebieten, die durch eine dynamischere Arbeitsgesellschaft und sich schneller verändernde gesellschaftliche Wertvorstellungen geprägt sind und somit einen stärkeren Anpassungsdruck auf die dort Lebenden ausübt, eher Protestanten vorzufinden sind (vgl. BRONISCH 1995: 67).

Darüber hinaus existiert die Theorie des Statusverlustes als Ursache für deviantes Verhalten, die von HENRY und SHORT (1954), GIBBS und MARTIN (2001) in Anlehnung an Durkheims Integrationskonzept entstanden ist (vgl. BIERI 2005: 36-38). Der Suizid kann hiernach bei bzw. nach dem Übergang in eine andere Statusgruppe und dem durch die Statuspassage verursachten - teils nicht berechenbar auftretenden - Verlust an Ressourcen, in Form von Einkommen, Ansehen, sozialer Kontakte usw. auftreten. Da das Individuum einen Verlust von akkumuliertem sozialen Kapital und Bezugsgruppen befürchtet, verursacht diese Angst innere Konflikte und Spannungen, da weder das soziale Umfeld noch der Staat für diese unsichere Lage haftbar gemacht werden kann (BIERI 2005: 99). BORNSCHIER und KELLER (1994: 98) argumentieren ähnlich:

„Integrationsdefizite entlang der Statusgruppenschichtung vermuten wir vor allem im Übergang zur Kernstatusgruppe, wenn Individuen die sozialen Netze der Familie und der Schule verlassen und dadurch temporär sozial desintegriert werden. Weiter erwarten wir eine solche Desintegration auch dann, wenn Individuen die Kernstatusgruppe verlassen und sich mit zunehmendem Alter ihr soziales Netz ausdünnt.“

Diese Argumentation stimmt insoweit auch mit der von GIRARD (1993) aufgestellten Hypothese des erhöhten Suizidrisikos aufgrund von Lebensphasenumstellungen überein. Diese bilden Momente größerer sozialer Desintegration und wirken sich unterschiedlich auf die Geschlechter aus:

"Im Alter erfolgt eine soziale Desintegration durch einen massiven Rollenwechsel, der verbunden ist mit einem Verlust an sozialem Kapital. Dieser Bruch erweist sich als einschneidender für alte Männer als für alte Frauen, was wiederum Einfluss auf die Suizidhäufigkeit besitzen kann." (BORNSCHIER und KELLER 1994: 98)

Männer sind vom Statusübergang stärker betroffen aufgrund ihres „männlichen, wettbewerbsorientierten Selbstkonzeptes“ (BIERI 2005: 100) und haben deshalb eher Probleme mit einem wirtschaftlichen und sozialen Statusverlust. Dieses Empfinden ist wohl noch auf archaische Denk- und Verhaltensmuster beim Streben nach und Kampf um Ressourcen zurückzuführen.


2.2.4 Zwischenfazit

Wie in diesem Abschnitt dargestellt wurde, existieren viele fachspezifische Ansätze um suizidales Verhalten zu erklären, sowie die verschiedenen Betrachtungs- und Analyseebenen einzubeziehen.

Festzuhalten sei deshalb, dass die Ursachen eines Suizids in der Makro- und in der Mikro-Ebene zu ermitteln sind, nicht immer eindeutig feststellbar und häufig eine interdependente Charakteristik aufweisen können.

Darüber hinaus gilt auch festzuhalten, dass sowohl in Deutschland als auch in Japan rund ein Drittel aller Suizide im Alter von über 65 Jahren stattfinden. Dabei beträgt der Anteil der weiblichen Alterssuizidraten im Vergleich mit der Gesamtsuizidrate der Frauen 42 Prozent in Deutschland und in Japan 36 Prozent, während der Anteil der männlichen Alterssuizidrate an den männlichen Gesamtsuiziden in beiden Ländern bei rund 25 Prozent liegt. Auch ist eine Tendenz dahingehend zu erkennen, dass suizidales Verhalten mit dem Alter ansteigt und häufig im hohen Lebensalter den Höhepunkt findet.


Fußnote:

[13] Die 5-Hydroxyindol-Essigsäure (5-HIES) im Liquor cerebrospinali, der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit, kann durch Punktion Patienten entnommen werden und bietet eine indirekte Möglichkeit zum Einblick in die biochemischen Stoffwechselprozesse im Hirn. Im englischsprachigen Raum ist sie als 5-HIAA (5-hydroxyindoleaceticacid) geläufig.

[14] Während BIERI vom „angeborene[n] Aggressionstrieb“ (2005: 35) spricht, widerspricht BRONISCH beim angeborenen Aggressionstrieb und bezeichnet die Aggression als „ambivalente Einstellung gegenüber anderen Personen“ (1995: 74).

[15] Die Katharsishypothese ist umstritten, da bisher nicht eindeutig erwiesen ist, ob Aggressionen durch das Ausleben abgebaut werden oder sogar noch weiter gesteigert werden. Neuere Untersuchungen deuten eher auf eine Aggressionssteigerung hin.


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