Klassifizierung - Motivation (3/4)

2.3 Motivation der Suizidenten
Das folgende Kapitel behandelt - basierend auf Befragungen und Untersuchungen von Menschen nach Suizidversuchen bzw. deren Angehörigen nach erfolgreich ausgeführten Suiziden - die Ursachen und Beweggründe, die ein Individuum veranlassen können ihrem Leben selbstständig ein Ende zu bereiten.
Primär sollen auslösende Faktoren suizidaler Handlungen veranschaulicht werden, welche grob unterschieden werden in makrosoziale (z.B. Arbeitslosigkeit, Scheidung) und mikrosoziale Determinanten (z.B. individuelle Depressionen über berufliches Scheitern) und Faktoren. Die Motive für den Suizid fasst KLATT (1979: 34-35) nach der Häufigkeit ihres Auftretens in folgende Kategorien zusammen:

  • somatische Erkrankungen und chronische Leiden,

  • psychische Erkrankungen (inkl. Suchterkrankungen),

  • soziale Schwierigkeiten,

  • familiäre Schwierigkeiten,

  • finanzieller bzw. krimineller Hintergrund,

  • unklar
Zu beachten bei dieser Auflistung sei, dass die Suizidmotive nur in wenigen Fällen monokausale Ursachen haben. Es besteht stattdessen eine komplexe Zusammensetzung zwischen inneren und äußeren Beweggründen, welche gleichwohl unterschiedliche Schwerpunkte aufweisen können und u.a. abhängig sind von der wirtschaftlichen Lage, den sozialen Sicherungssystemen oder sogar der Jahreszeit. Suizide werden, entgegen der weitverbreiteten Meinung, überwiegend im Frühjahr bzw. Sommer ausgeführt, statt in den Jahreszeiten Herbst und Winter (vgl. u.a. SOREFF 2009 [16]).

Die körperliche Gesundheit stellt darüber hinaus keinen Indikator für den Suizid dar. Obwohl chronisch oder terminal Erkrankte eher suizidgeneigt sind als gesunde Menschen, ist die physische Konstitution nicht als Erkennungsmerkmal eines Suizidenten zu werten. So fühlen sich ältere Männer oft gesünder als Frauen gleichen Alters, weisen aber in allen Gesellschaften [17]  ;die höheren Suizidraten auf. Dies sei zurückzuführen auf verschiedene, so genannte „Personenvariablen“ (BÖHME 1998: 66), zu denen z.B. das Selbstbild, der Grad des Neurotizismus und Narzissmus, etc. gezählt wird und bei denen eine Korrelation zwischen psychischer und physischer Befindlichkeit vorzufinden ist. So sei nicht die Dauer und Schwere einer Krankheit ursächlich und ausschlaggebend für suizidale Handlungen, sondern das Empfinden dieser Krankheit durch den Kranken und die Veränderung, die es auf sein Selbstbild ausübt (BÖHME 1998: 71).

Aber auch Veränderungen im makrosozialen Bereich, wie der wirtschaftlichen und konjunkturellen Entwicklung eines Landes oder einer Region, beeinflussen die Selbstwahrnehmung, das Selbstbild und somit die Identität eines Individuums und können sowohl einen positiven, als auch negativen Einfluss ausüben. Arbeitslosigkeit sei somit als suizidfördernder Faktor zu betrachten, da mit zunehmender Zeit, die man als Erwerbsloser verbracht hat, auch die Suizidgefahr zunehme (BRONISCH 1995: 69-70; vgl. auch MOTOHASHI 2005: 97). Als Ursache wird der zunehmend geringere sozioökonomische Status und das individuelle Empfinden kein „vollwertiges“ Mitglied einer Gesellschaft darzustellen verstanden. Langzeitarbeitslosigkeit wäre demnach nicht nur unter psychologischen Gesichtspunkten als Suizidfaktor zu betrachten, sondern auch soziologisch auf Grund des desintegrativen Charakters nach Durkheim’schen Verständnis. Das integrative Konzept gilt auch für den Familienstand: Geschiedene bzw. Verwitwete begehen häufiger Suizid als Ledige bzw. Verheiratete (BÖHME 1988: 50, 113).

2.3.1 Japan
Schwere chronische Erkrankungen im höheren Alter können bei besonderer Ausprägung als „suizidmotivierend“ verstanden werden. Bedingt durch regionale Besonderheiten, wie z.B. das Ernährungsverhalten [18]  ;und Migrationsbewegungen, tritt in einigen Präfekturen Japans, z.B. Niigata und Akita, eine erhöhte Häufung von chronischen Krankheiten hervor, während gleichzeitig auch die Zahl an Suiziden deutlich erhöht ist. Die Präfektur Akita, nordöstlich im Tôhoku-Gebiet Japans gelegen und vom ruralen Charakter geprägt, weist bei zerebrovaskulären Erkrankungen  (Hirngefäßerkrankungen, u.a. Schlaganfall) [19] und Demenz die höchste Rate in ganz Japan auf (WATANABE 2001: 158; vgl. auch Abb. 21 und Abb. 22 im Anhang). Zugleich weist die Präfektur Akita auch landesweit die höchste Suizidrate der über 65-Jährigen auf (siehe Tab. 1; unten) und lässt einen kausalen Zusammenhang vermuten zwischen den Fällen der Erkrankten und denen der Suizidenten. WATANABE (2001: 163) und BÖHME (1998: 70-71) merken jedoch an, dass zwischen Suiziden und der physischen Konstitution eines Suizidgefährdeten kein Zusammenhang besteht (siehe auch letzter Abschnitt). Deshalb kann man das regional gehäufte Auftreten schwerer und terminaler Erkrankungen nicht zwangsläufig als Auslöser, aber als einen potentiellen Motivator zum Suizid ansehen.

KANEKO und MOTOHASHI (2006: 116) wiederum sehen einen niedrigen sozio-ökonomischen Status zusammenhängend mit Depressionen und, daraus resultierend, auch Suizidversuchen. Der mit dem Alter, aufgrund von zunehmenden Sterbefällen im Bekanntenkreis, dem sinkenden Einkommen ab etwa 55 Jahren (OECD 2004: 105-106) [20] und nachlassender Physis, sinkende sozioökonomische Status ist in Kombination mit dem sich verändernden Selbstbild im höheren Alter als suizidförderlich und somit als „male vulnerability to suicide“ (MOTOHASHI 2006: 114) zu werten. In diesem Zusammenhang ist eine weitere Vermutung MOTOHASHIS (2005: 97) zu erwähnen, nach der die Arbeitslosenrate auf die Suizidrate einen starken Einfluss hat, da beide Raten in den letzten Jahren angestiegen sind. Deutlicher wird dies in Abbildung 18 im Anhang. Ein direkter Zusammenhang bestehe aber nicht.

Tabelle 1: Vergleich der Alterssuizidraten der über 65-Jährigen (1995; pro 100.000 Einwohner)
Quelle: WATANABE 2001, S. 158.


Einen anderen Einfluss auf die Suizidrate verortet TRAPHAGAN (2004: 315) in der Struktur des traditionellen japanischen Drei-Generationen-Haushalts. Dieses Wohnmodell, bei dem Ältere im Haushalt ihrer erwachsenen Kinder wohnen, verursache gegenüber des Alleinwohnens des Seniors bei eben diesem überdurchschnittlichen Stress und fördere daher suizidale Handlungen. Diese würden auch eine Sanktionsform gegenüber der Familie darstellen. Das Zusammenleben mit den eigenen Kindern verhindere - unerwarteterweise - die Isolation und die Einsamkeit der Senioren nicht, da sich zunehmend die gesellschaftlichen und sozialen Kernwerte der älteren und jüngeren Generation unterscheiden und nach BORDIEUs Habituskonzept einen zusätzlichen Stressfaktor darstellen. Aufgrund dessen beschreiben ältere Suizidgeneigte ihr Dasein als sabishii (jap.: einsam, traurig) und das Leben in und mit der Familie der Kinder als ein eher bedrückendes Abhängigkeitsverhältnis (TRAPHAGAN 2004: 324). Nach Umfragen der japanischen Asahi Shinbun ging innerhalb von sechs Jahren der Wunsch Älterer zur Ko-Residenz mit den Kindern von 58% auf 46% zurück (ASAHI SHINBUN 1993 und 1999).
Suizidale Ursachen deutet TATAI (1991: 41-42) als Resultat von körperlichen Erkrankungen und der dadurch zunehmenden Unmündigkeit Älterer. Dieses sei insbesondere im ländlichen Raum zu beobachten, aus dem die jüngeren Generationen in metropolnahe, beruflich attraktivere Gebiete ziehen und eine Überalterung dieser Regionen verursachen (siehe auch Abschnitt 2.4.3). Gleichzeitig wird von im städtischen Raum lebenden Älteren aber auch das Gefühl der Isolierung und der Fremdheit aufgrund des heutigen schnelleren Lebenswandels kritisiert. Der Suizid in den ruralen Gegenden Japans resultiert jedoch nicht nur aus der Einsamkeit und Isolation der dortigen Senioren, sondern auch anderen innerfamiliären Konflikten, z.B. der Unfähigkeit Älterer die Jüngeren zu verstehen und deren Wunsch sich der jüngeren Generation nicht aufzudrängen, so BECKER (1995: 95-96).

Die interessante Hypothese von Richard EASTERLIN (1987: 1-4; DOLIGER 2004: 205), besagt diesbezüglich, dass verhältnismäßig große Alterskohorten, z.B. Baby-Boom-Jahrgänge, einem erhöhten Leistungsdruck und Wettbewerb um begrenzt zur Verfügung stehenden Ressourcen wie Bildung, Arbeitsplätze, etc. ausgesetzt sind und aus diesen resultierend das Einkommen geringer und die Arbeitslosenrate dieser Alterskohorte höher ausfallen werde. Durch die individuell höheren Erwartungen an die Angehörigen der Kohorte sich gegen einen ungleich größeren Pool an Mitbewerbern durchzusetzen, die als geschmälert betrachteten Chancen der beruflichen Laufbahn und somit eingeschränkten Lebenschancen und –perspektiven, bestünde eine erhöhte Tendenz zum devianten Verhalten. Dieses könne dann u.a. in Aggressionen gegen die Umwelt oder in der Autoaggression münden und somit neben dem Anstieg der Kriminalitätsrate auch zu einer erhöhten Suizidrate solcher geburtenstarker Kohorten führen.

Eine ähnliche Herangehensweise wird auch im Band Waga kuni ni okeru jisatsu no gaiyô oyobi jisatsu taisaku jisshi jôkyô (jap.: Eine Synopsis über den Suizid in unserem Land und die Situation der Durchführung von Gegenmaßnahmen) verfolgt, in dem der sogenannte Kohorteneffekt (jap.: kohôto kôka) einer Altersgruppe beschrieben wird. Alterskohorten würden jeweils prägende und belastende Erfahrungen, wie beispielsweise das Durchleben eines Weltkrieges oder tiefgreifender Wirtschaftskrisen machen, also Phasen der Anomie, welche die Gefahr von vermehrt auftretender individueller Devianz mit sich bringen. Dies sei insbesondere zu beobachten bei der Alterskohorte, die zur Zeit des Zweiten Weltkrieges Schüler waren. Sie weisen in der Nachkriegszeit in den 1950er und 1960er erhöhte Suizidraten auf. Dieses Verhalten habe sich fortgesetzt und verursache bei den heute Sechzig- und Siebzigjährigen erhöhte Suizidtendenzen und -raten (NAIKAKUFU 2006: 12-13).


2.3.2 Deutschland

In Deutschland sind die Motive für Alterssuizid ähnlich wie die in Japan. Zu den Ursachen zählen u.a. Depressionen, chronische Erkrankungen, soziale und familiäre Probleme (BÖHME 1988: 49).

Alte Menschen weisen eine erhöhte psychiatrische Morbidität auf, die aus Konflikten resultiert, die im höherem Alter zutage treten: die äußere und innere Vereinsamung, der Verlust des Partners, chronische bzw. unheilbare Krankheiten und Psychosen (BÖHME 1998: 92; MÜLLER 1993: 26-29). Ein Drittel aller Suizidenten war chronisch erkrankt (Männer 33%, Frauen 28%), ein Fünftel süchtig (Männer 19%) (MÜLLER 1993: 36). Als Suizidauslöser sieht BÖHME „bilanzierende Momente“ (1998: 96), bei welchen das Individuum das Leben rückblickend analysiert und bewertet, und die bei einer Ausprägung einer narzisstischen Störung bzw. Kränkung zum Suizid führen können. Aber auch Verlusterlebnisse, die oft mit Veränderungen des Alltags einhergehen, können ursächlich für Alterssuizide sein (BÖHME 1998: 113). So fungieren zwischenmenschliche Beziehungen als Teil Krisen überwindender oder zumindest Krisen mildernder Strukturen, die mit steigendem Alter einbrechen, z.B. durch den Tod von Freunden und Partnern, der Unterbringung in einem Heim und dem dadurch veränderten Umfeld. Oder auch das Bewusstsein über den langsam fortschreitenden Verlust bisheriger geistiger und körperlicher Kapazitäten, Fertigkeiten und Möglichkeiten kann zu solch bilanzierenden Momenten und Suizidgefahr führen.

Männer erleiden im Alter einen stärkeren Identitätsverlust als Frauen. Das eigene Selbstbild wird dahingehend geschädigt, dass zunehmend Veränderungen der physischen Konstitution, die Anfälligkeit für Krankheiten und Einschränkungen des Alltagslebens auftreten und man somit nicht mehr der „Fels in der Brandung“ ist, als den viele Männer sich gerne sehen. ANGER (1971: 9-10) sieht insbesondere das Nachlassen der männlichen Libido als Anzeichen des Alterungsvorgangs und als suizidfördernd. Als problematisch für viele Senioren beschreibt MÜLLER (1993: 12) den empfundenen und mit dem Alter steigenden Ausschluss älterer Menschen aus dem sozialen und beruflichen Alltagsleben, indem man ihnen durch die fortschreitende Alterung erlangte Kompetenzen abspricht, da die körperlichen und geistigen Fähigkeiten zunehmend nachlassen. Man muss jedoch hierbei beachten, dass dies nur auf bestimmte soziale Gruppierungen und Berufsgruppen zutrifft, da Tätigkeiten, die eine höhere Bildung voraussetzen, auch im hohen Alter noch ein hohes Ansehen genießen, z.B. der Beruf des Arztes, Hochschultätigkeit, etc.
Schließlich sei es aber auch die Angst vor dem Tod, die den Suizid erst fördere (ANGER 1971: 28). Die Furcht einem unbestimmten Ende entgegenzusehen, Krankheiten und womöglich Schmerzen zu erleiden oder in einen vegetativen Zustand überzugehen, würde Senioren veranlassen eher ein bewusst wahrgenommenes und selbstbestimmtes Szenario zu bevorzugen.


2.3.3 Die Vorstellung eines „guten Todes“
Vorstellungen vom Sterbevorgang, dem Jenseits und einem idealen Tod sind kulturell geprägt, historisch gefärbt und können sowohl im medizinischen, religiösen und natürlichen Sinne verstanden und interpretiert werden. Zugleich umfassen Ansichten über den „guten Tod“ auch bioethische und teils kontroverse Diskussionen über Palliativmedizin, Behandlungseinstellung und Euthanasie. Dabei bildet der Sterbevorgang an sich den Raum, der zwischen dem Ende des gewohnten Soziallebens und dem biologischen Tod liegt.
Bei den Vorstellungen vom guten Sterbevorgang und Tod muss grob unterschieden werden zwischen dem „natural“ und dem „medicalized death“ (LONG 2001: 60), die auch eine vage kategoriale Grenzziehung ermöglichen. Der natural death wäre ein Tod, der entweder langsam durch fortgeschrittenes Alter und Organversagen oder plötzlich durch eine biologische Ursache, z.B. Hirnblutung eintritt. Trotz den zeitlich eher gegensätzlichen eintretenden Todesarten stellt der natürliche Tod eine häufig erwünschte Todesart dar. Dieses liegt darin begründet, dass durch das langsame Nahen des Todes respektive der ärztlichen Prognose einer terminalen Krankheit für Menschen die Möglichkeit besteht noch „unerledigte“ Dinge zu verrichten, wie z.B. die finanzielle Absicherung des Partners oder der Kinder, das „Bereinigen“ von bestehenden Konflikten oder der Abschied von Familie und Freunden. Beim plötzlichen natürlichen Tod besteht die Möglichkeit dieser Todesvorbereitungen zwar nicht, trotzdem wird dieser aber auch als wünschenswert erachtet, da weltliche Probleme nicht mehr von Belang sind und ein schneller Tod eintritt, ohne dass Ängste vor dem Sterbevorgang und die damit verbundene Ungewissheit über Schmerzen, Pflegebedürftigkeit durch Unselbstständigkeit, Isolation etc. entstehen können. Der natürliche Tod tritt oft in einer vertrauten, familiären Umgebung ein und vermittelt somit eine friedlichere, ruhigere Atmosphäre.

Allgemein ist beim Sterben in Japan eine friedliche, persönliche Atmosphäre erwünscht bei der Freunde und Familie [21] anwesend sind, wie BECKER anhand von Quality of Death (QOD)-Umfragen dargelegt hat (1997: 99-100). Die natürliche altersbedingte und plötzliche Art des Todes ist in Japan eher erwünscht und unter rôsuishi (jap: Tod durch Altersschwäche) und pokkurishi (jap.: plötzlicher Tod) geläufig. Insbesondere pokkurishi stellt einen interessanten kulturellen Aspekt dar, da viele Ältere in Japan an pokkuri-Tempeln für einen plötzlichen Tod beten (LONG 2001: 47-48; WOSS 1993: 199-200).

Im Gegensatz dazu ist der medicalized death ein Tod, der in sterilen, mit medizinischen Geräten ausgestatten Kranken- und Pflegeeinrichtungen stattfindet. Dieser wird von vielen als nicht wünschenswert betrachtet, da die Vorstellung verbreitet ist durch ethisch und moralisch nicht mehr nachvollziehbare lebenserhaltende Maßnahmen im vegetativen Zustand am biologischen Leben erhalten zu werden, z.B. durch künstliche Beatmung oder Ernährung. Somit werden die Einweisung und der Aufenthalt in solchen Einrichtungen von älteren Menschen als der letzte Akt eines irreversiblen Prozesses verstanden und stellen insofern eine Zäsur des bisher gewohnten sozialen Lebens dar. Zusätzlich besteht in Pflegeeinrichtungen und speziell in Krankenhäusern eine eingeschränkte Privatsphäre und ein anonymes und asynchrones Verhältnis zwischen den Patienten und dem Pflegepersonal bzw. Ärzten, da sich der Patient als Fremdkörper und aufgrund des Mangels an fachlichem Wissen auch als Bittsteller wahrnimmt. Aufgrund dieser Umstände möchten alte Menschen gerne im Kreis der Familie versterben. Ein solches Sterben ist allerdings aufgrund des krankheits- und altersbedingten häufigen Aufenthalts Älterer in Krankenhäusern, Altenheimen und anderen Kranken- und Pflegeeinrichtungen, in denen rund 77 Prozent (LONG 2001: 34) aller Tode zu verzeichnen sind, schwer umzusetzen.
Ein „schlechter Tod“ setzt sich also zusammen aus Isolation, Schmerzen, künstlicher Lebenserhaltung (LONG 2001: 43) und dem eigenen Empfinden eine physische, psychische oder finanzielle Last für Familienmitglieder und Bekannte zu sein. Es zeigt sich mithin eine enorme Diskrepanz zwischen dem „idealen“ Tod und den reellen Bedingungen des Sterbevorgangs, die so wenig mit den Wunschvorstellungen der Älteren übereinstimmen.

Als unbefriedigend werden weiterhin die nach dem Tod oft einsetzenden Prozesse betrachtet. So stellte der Tod vor hundert Jahren im ländlichen japanischen Raum nicht nur ein familiäres Ereignis dar, sondern eines für die ganze Dorfgemeinschaft, welche, z.B. durch die Grabaushebung, zu treffende rituelle und zeremonielle Vorbereitungen etc., eine stärkere gemeinschaftliche Bande zu erzeugen vermochte (Becker 1999: 101). Bis in die heutige Zeit fand ein Wandel statt, so dass heutzutage der Tod eher als Ereignis gefeiert wird, welches die über das gesamte Japan versprengte Familie sich wieder versammeln lässt, während die eigentlichen Vorbereitungen von Bestattungsinstituten übernommen werden. Die Zeremonien werden zwar dem emotionalen und praktischen Bedürfnissen im Sinne des Zeitmanagements gerecht, weisen jedoch durch die standardisierte Bestattungsprozedur einen hohen Grad an Homogenität und Kommerzialisierung aufweisen (LONG 2001: 41).

Interessant ist auch der Aspekt, dass der Tod im hohen Alter als natürlich angesehen wird (LONG 2001: 45). Demnach ist die Akzeptanz des Todes im höheren Alter stärker ausgeprägt als die beim Tod Jugendlicher, da ein alter Mensch die Möglichkeiten und die Zeit hatte die Vorzüge des Lebens auszukosten, während ein Jugendlicher dies nicht konnte. Diese Tendenz gilt auch für den Alterssuizid und bildet insgesamt das Problem der höheren gesellschaftlichen Billigung im Vergleich zu den Suiziden anderer Altersklassen. Somit sind eine verharmlosende Einstellung zum Alterssuizid und ein nicht ausgereiftes Problembewusstsein oft noch vorhanden.

2.3.4 Zwischenfazit
Es lässt sich somit, zurückblickend auf die zweite Frage, festhalten, dass die Motivation zum Suizid sowohl individuellen, als auch gesellschaftlichen Ursprungs sein kann. So sind im höheren Alter chronische und psychische Erkrankungen, aber auch familiäre und soziale Umstände als suizidfördernd anzusehen. Dies gilt insbesondere dann, wenn durch eine Erkrankung oder ein familiäres Ereignis ein Bruch zum bisher gewohnten Leben zu entstehen scheint.

Allgemein kann man sagen, dass die Tendenz zum Suizid mit den Schwierigkeiten im Umgang mit begrenzteren Möglichkeiten bzw. Fähigkeiten in bestimmten Krisensituationen, mit Bewältigungsstrategien hierzu und der Entwicklung eines neuen Rollenverständnisses zusammenhängt. Der gesundheitliche Zustand ist jedoch nur dann suizidrelevant wird, wenn dieser und der zukünftige Krankheitsverlauf vom Individuum als subjektiv negativ wahrgenommen werden. Als besonders suizidgefährdet können deshalb ältere Menschen angesehen werden, denen sogenannte „Coping-Fähigkeiten“ (BÖHME 1988: 152) fehlen und sich somit nicht mit einem verändernden Lebensablauf und Selbstbild arrangieren können.


Fußnoten:

[16] SOREFF, Stephen: Suicide.
[17] Einige wenige Ausnahmen bilden - nach der Erhebung der WHO - Länder, die einen leichten Überschuss an weiblichen Suiziden aufweisen. Generell lässt sich jedoch für alle von der WHO erfassten Nationen feststellen, dass Suizide der Männer die der Frauen zahlenmäßig übersteigen und des Öfteren ein Vielfaches von diesen annehmen, z.B. Suizide in der Russischen Föderation

[18] Übermäßiger Konsum von stark salzhaltigen Speisen, z.B. durch das Pökeln oder Einlegen von Lebensmitteln, kann Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachen (vgl. dazu auch Lützeler 1994).

[19] Im Englischen cerebro vascular diseases (CVD).

[20] Das Sinken des Einkommens ist auf eine Arbeitsmarktentwicklung zurückzuführen, bei der Arbeitnehmer zwischen fünfzig und sechzig Jahren gekündigt und oft im selben Betrieb zu neuen, ungünstigeren, Konditionen eingestellt werden.

[21] Dies bedeutet jedoch nicht, dass von Senioren gleichzeitig ein Leben in der Familie des Kindes erwünscht ist. Einige Senioren empfinden eben dieses als belastend und TRAPHAGAN behauptet, dass es suizidfördernd wirken könne (2004: 315; siehe auch Abschnitt 2.3.1).

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